Frédéric Letzner

Experte für Gesundheits- & Ernährungspsychologie

Frédéric Letzner ist seit über 15 Jahren in der Gesundheitsvermittlung tätig. Als studierter Ernährungswissenschaftler und ehemaliger Ernährungstherapeut und Personal Trainer, hat er sich in seiner Arbeit der Psychologie des menschlichen Ernährungs- und Gesundheitsverhalten gewidmet.

Anfang 2020 wurde er vom deutschen Redner-Berufsverband (German Speakers Association e.V. / GSA)  zum besten Newcomer Deutschlands mit dem „GSA-Newcomer Award 2020“ gekürt. Regelmäßig begeistert er sein Publikum mit verblüffenden Inhalten und Geschichten, die das Thema Gesundheit auf den Punkt bringen.

Obwohl wir theoretisch wissen, wie wir uns ernähren sollten, fällt uns die Umsetzung doch schwer. Wir essen aus Frust, aus Lust, bei Stress und aus vielen weiteren Gründen, wobei uns Nahrungszufuhr nicht als Lösung dient. Warum greifen wir ausgerechnet zur Schokolade, wenn es mal stressig wird? Warum ignorieren wir auch gerne mal Hunger, Durst und Sättigung? Die Gründe dafür sind vielfältig und liegen oft an unserer Haltung zu uns selbst. Durchblicken wir unser eigenes Verhalten, wissen wir, dass Ungesundes auch gesund sein kann und wie Gesundes für uns selbst wieder attraktiver werden kann. Frédéric Letzner liefert uns überraschende Zusammenhänge, die uns dabei helfen, uns nachhaltig und bewusst zu ernähren.

Wer hat wirklich Lust am Thema „gesunde Ernährung“?

Mit dieser Frage leitet Letzner seinen Vortrag ein. Das Ergebnis fiel sehr divers aus. Hier ergibt sich eine Diskrepanz zwischen reiner Wissensaneignung und praktischer Umsetzung. Der Satz „Das ist gesund“ ruft nur selten positive Assoziationen hervor. Viel eher werden damit Pflichten und Verbote in Verbindung gebracht, die wiederum mit Anstrengung und Disziplin einhergehen. Die Beurteilung einer Speise mit „Das sieht aber gesund aus“ ist gleichzusetzen mit „Das schmeckt bestimmt nicht gut“.

Eigentlich bestehe laut Letzner kein Wissensdefizit bei gesunder Ernährung, denn bereits Kinder würden über Grundlagenwissen wie bspw. die Relevanz von Bewegung, Obst, Gemüse, Reduktion von Süßigkeiten, … verfügen. Doch was macht es uns dann so schwer, uns dementsprechend zu verhalten?

Warum ernähren wir uns trotzdem oft ungesund und unvernünftig?

Dass das Soll häufig nicht mit dem Ist übereinstimmt, führt Letzner auf die Psychologie zurück. Rationales Wissen bildet nur die Spitze des Eisbergs, darunter jedoch befindet sich die emotionale, uns unbewusste Ebene ohne jegliche Kontrolle und Struktur. In Anbetracht dessen, dass jede/r täglich 200-250 ernährungsbezogene Entscheidungen unbewusst trifft, wird klar, dass theoretisches Wissen ohne Bewusstsein unserer tieferliegenden Emotionen nur bedingt hilfreich ist.

Wie unser heutiges Ernährungsverhalten entstand …

Letzner betont mehrmals, dass der Mensch ein soziales und emotionales Wesen ist und unser Essverhalten (v. a. in der Kindheit) dadurch stark geprägt wird. Unser Essverhalten entwickelt sich aus drei Faktoren.

  1. Imitation bzw. Modelllernen: Der Mensch als soziales Wesen strebt nach Anerkennung und sozialer Anpassung, weshalb sich durch Imitation so gut wie möglich an das Umfeld angepasst wird. Vor allem beim Essen, einer durchaus sozialen Aktivität, wird das Essverhalten (Was und Wie) seiner Bezugsmenschen angenommen.
  2. Leid bzw. Schmerz: Wenn mit bestimmten Lebensmitteln oder bestimmtem Essverhalten Leid oder Schmerz assoziiert wird, weil sie negative Emotionen hervorgerufen haben, einem davon schlecht wurde oder man gar daraufhin erkrankte, werden diese zukünftig am Speiseplan weniger beliebt sein.
  3. Erkenntnis: Beim dritten Faktor befinden wir uns vorwiegend auf der bewussten Ebene, wobei es hier um die klassische Wissensaneignung durch bspw. Lesen geht.

Verbote sollten verboten werden

Wir alle kennen wohl Sätze aus der Kindheit wie etwa „Wenn du dein Gemüse isst, dann bekommst du etwas Süßes.“ Damit lernt ein Kind, dass das Essen von Gemüse eine Form von Arbeit ist, die man nicht freiwillig machen würde. Dadurch sinkt die Wertigkeit von Gemüse. Süßigkeiten hingegen werden nach dem Motto „Zuerst der Fleiß, dann der Preis!“ aufgewertet.

Diese Verknappung von ungesunden Lebensmitteln erzeugt Präferenz. Denn Dinge, die selten sind, erscheinen uns wertvoll. Somit werden Süßigkeiten durch deren Verbot oder Rarität immer interessanter und wertvoller. Daher sollte auch bei Diäten bspw. Schokolade nicht künstlich verknappt werden, weil diese durch ständiges Verbieten umso interessanter wird.

Verbote führen bei Kindern dazu, dass sie kein Ernährungsbewusstsein entwickeln und ihre Ernährungs-Intuition ablegen.

Die emotionale Komponente von Essen

Der Ursprung der mit Essen verknüpften Emotion liegt wiederum in der Kindheit. Für Kleinkinder ist Essen höchst emotional, denn beim Stillen oder der Fütterung durch ihre Mutter erhalten sie Zuneigung, Liebe und Wärme. Kinder beruhigen sich außerdem über den Mund (vgl. Schnuller, Daumen lutschen).

Weil nun also die Nahrungsaufnahme mit viel positiver Emotion verbunden ist, suchen viele Menschen unbewusst in ihrer Ernährung eine Methode der Stressregulation. Menschen, die aufhören zu rauchen, nehmen häufig zu, weil die Psyche nach einer Ersatzhandlung zur Stressbewältigung sucht und sie oftmals im „Snacken“ findet. Dicke Menschen sind zumeist nicht dumm in Hinblick auf Ernährungswissen. Grund für übermäßiges oder ungesundes Essen sind häufig emotionale Zusammenhänge, die Stressessen auslösen.

Und auch sogenanntes „Essen bei Langeweile“ weist Letzner als nicht existent zurück. Es ist bloß Ausdruck davon, dass man Ruhe nicht aushält bzw. Ruhe als Stressfaktor empfindet, weil Emotionen hochkommen, von denen man sich mittels Essen ablenken möchte. Wenn Hunger nicht das Problem ist, kann Essen aber nicht die Lösung sein! Wir sollten daher immer nach Alternativen suchen, die uns guttun.

Chamäleon-Effekt und Rollenbilder

Dass jeder Mensch als soziales Wesen nach sozialer Anerkennung strebt, ist bereits klar. Der Chamäleon-Effekt erscheint daher im Bezug auf Ernährung wenig überraschend. Er besagt, dass wir dabei eine Art Rudel-Verhalten an den Tag legen. Bestellt einer einen Burger mit Bier im Gasthaus, setzt sich die Reihe oftmals fort. Das funktioniert aber auch in der Umkehrung. Während bei einem Ernährungs-Projekttag an Tag 1 verschiedenste Getränke bestellt wurden, wobei der Erste eine Limonade orderte, schlossen sich an Tag 2 alle Lehrlinge dem Ersten mit einem Wasser an. Auch in puncto Ess-Geschwindigkeit orientieren wir uns nachweislich an unserer Tischgesellschaft.

Die zweite Problematik verortet Letzner in Rollenbildern. Ein „echter Mann“ trinkt gemäß Klischees regelmäßig Bier, isst Schnitzel und fährt bestenfalls noch Motorrad. Gesunde Ernährungsempfehlungen passen jedoch so gar nicht zu dieser Identität. Es entspricht nicht den gesellschaftlichen Erwartungen, als Mann ein kleines Teller Putenstreifensalat zu essen. Genauso zeigt das Ergebnis einer Studie, dass Frauen weniger essen, wenn mindestens ein attraktiver Mann am Tisch sitzt, vermutlich weil sie annehmen, dass es gesellschaftlich akzeptierter sei.

Wir werden permanent von unserem Umfeld in unserem Verhalten beeinflusst – und das vollkommen unbewusst.

Superhelden brauchen keine Pause

Unsere heutige Gesellschaft ist geprägt von Zeit- und Leistungsdruck. Das führt dazu, dass es bspw. als besonders fleißig angesehen wird, keine Mittagspause einzulegen und im Multitasking-Modus nebenbei zu essen. Denn das erscheint viel effizienter. Fastfood ist effizienter als Kochen, der Lift effizienter als die Treppen, das Auto effizienter als das Fahrrad und allgemein nimmt man sich am besten keine Zeit mehr für sich – effizient, zumindest wenn der Bezugswert „Zeit“ lautet. Doch abgesehen davon ist dieser Multi-Tasking- und Stress-Modus gar nicht so sinnvoll. Unbewusstes Essen durch parallele Handlungen unterdrücken das Bewusstsein von Geschmack und Sättigung. Eigene Bedürfnisse werden oftmals hintangestellt. Die Priorität von Gesundheit ist viel geringer als man glaubt. Zugehörigkeit, Beliebtheit oder Schönheit drängen sich in den Vordergrund, was teilweise auch Social Media zuzuschreiben ist. Auf Online-Plattformen sind vor allem Extreme beliebt: Schlagzeilen wie „20 Kilo abnehmen in 7 Tagen“ oder „Sixpack in 6 Minuten“ klingen eben viel verlockender als „Trinken sie regelmäßig Wasser“ oder „Setzen Sie sich langfristig mit einer gesunden Ernährung und Ihren Emotionen auseinander“.

Warum essen wir häufig über unser Sättigungsgefühl hinaus?

Die meisten von uns überessen sich regelmäßig. Letzner führt dies vor allem auf ein Außenreiz-abhängiges Essverhalten zurück. Im Durchschnitt werde 74% mehr gegessen, wenn der Teller nicht leer wird. Das wünschenswerte Gegenteil dazu wäre ein Innenreiz-abhängiges Essverhalten, bei dem das Gespür für seinen Körper und sein Sättigungsgefühl im Fokus steht. Demgemäß würde man den Zeitpunkt, an dem man zu essen aufhört, unabhängig von einem noch nicht leeren Teller oder gesellschaftlicher Erwartungshaltung wählen.

Ein weiterer Grund für übermäßiges Essen sind große Portionen und Angebote, die uns durch ihr unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis verleiten, mehr zu nehmen als wir ursprünglich wollten. Egal ob wir beim „All-you-can-eat-Buffet“ über die Stränge schlagen, um es im wahrsten Sinne des Wortes voll auszukosten oder uns im Kino für die Jumbo-Popcorn-Box entscheiden, weil sie nur etwas teurer als die kleine Portion ist – wir essen alles auf, um ja nichts übrig zu lassen. Selbstverständlich schwingen hierbei Glaubenssätze wie „Du darfst nichts verschwenden!“ oder „Andernorts sterben Menschen vor Hunger!“ mit, die uns dazu bewegen, lieber Bauchschmerzen in Kauf zu nehmen als etwas übrig zu lassen.

4 wichtige Begriffe, die mit gesunder Ernährung viel zu tun haben

Abschließend legt Letzner folgende Begriffe, die mit einer allgemeinen Haltung und unserer emotionalen Welt in Verbindung stehen, nahe.

  • Genügsamkeit sich selbst gegenüber. Man sollte sich selbst so viel wert sein, sich Zeit für sich, für Essen oder Sport zu nehmen. Keine Zeit zu haben, ist eine Entscheidung und eine Frage der Prioritätensetzung.
  • Gelassenheit. Wir sollten nie zu verkopft an das Thema „Gesundheit“ herangehen oder „Schwarz-Weiß-Gedanken“ hegen. Diäten, Listen und das Zählen von Kalorien haben nichts mehr mit gesundem Körpergefühl zu tun. Eine gesunde Gelassenheit soll an deren Stelle treten.
  • Geduld. Veränderungsprozesse brauchen Zeit. Gesunde Ernährung bleibt ein lebenslanger Prozess. Ein Wandel soll nie radikal geschehen.
  • Genuss. Genuss ist erlaubt und erwünscht. Im Normalfall begrenzt er sich selbst. Denn das erste Stück Schokolade ist das Wertvollste, es ist etwas Seltenes und Besonderes. Der Genussfaktor sowie der Wert nehmen jedoch mit der Menge an gegessener Schokolade ab, denn dann ist sie nicht mehr selten. Ungesunde Dinge dürfen mit gutem Gewissen genossen werden, allerdings immer mit Maß und Ziel. Im Extrem wird es zum Problem und kommt es zur Störung (Sucht oder strenges Verbot mit Angst vor Schokolade).

Die Aufzeichnung des gesamten Vortrags inklusive der Q&A Session steht den Windhund 365 Kunden auf der Eventumgebung 30 Tage lang zur Verfügung.

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