Dr. Simone Kumhofer – Du isst nie allein
Wie dein Mikrobiom Energie, Gesundheit und Alltag mitbestimmt

Inhaltsverzeichnis
30 Prozent deiner Energie kommen nicht von dir80 Prozent deiner Immunzellen sitzen im DarmDein Mikrobiom ist ein Fingerabdruck30 Gramm Ballaststoffe und warum Vielfalt mehr zähltDer Klettverschluss im DarmWas dein Ökosystem aus dem Takt bringtGesund alt statt krank altWenn der Chef eine fiese Mail schreibtFazit: Vielfalt auf dem Teller macht dein Mikrobiom widerstandsfähigEure FragenÜber SimoneÜber Windhund 365
Folge uns
Programm downloaden
Rund zwei Kilo Bakterien trägst du in deinem Darm mit dir herum, und sie essen mit, wenn du isst. Dafür geben sie dir etwas zurück: Energie, Abwehrkraft und sogar Konzentration. Dr. Simone Kumhofer zeigt, wie dieses Ökosystem funktioniert, was es aus dem Gleichgewicht bringt und wie du es im Alltag gut fütterst. Das reicht vom Kartoffel-Trick fürs Vorkochen bis zur Frage, warum deine Bakterien eine fiese Mail vom Chef nicht von einem Marathon unterscheiden können.
30 Prozent deiner Energie kommen nicht von dir
Simone Kumhofer stellt gleich zu Beginn eine Zahl in den Raum, die den Blick auf den eigenen Körper verschiebt. Rund 70 Prozent der Energie im System Mensch stellen unsere Mitochondrien bereit. Die restlichen 30 Prozent kommen von Bakterien, also quasi nicht von uns selbst. Wir sind mit diesen Mikroben symbiontisch verbunden, in einer Koexistenz, ohne die wir nicht leben können.
„Gesundheit funktioniert nicht ohne genügend Mikroben in und an unserem Körper.“
– Dr. Simone Kumhofer
Das sei ein absoluter Paradigmenwechsel, sagt Kumhofer. Lange hieß es, Bakterien seien schlecht, und entsprechend wurde alles desinfiziert, die Hände genauso wie der Mund.
Viele Lebensräume, ein System
Das Mikrobiom ist kein einzelner Ort. Kumhofer spricht von Habitaten, also von unterschiedlichen Lebensräumen in und am Körper, die sehr genau aufeinander abgestimmt sind. Der Mundraum ist das zweitgrößte dieser Habitate. Das Hautmikrobiom entscheidet mit darüber, wie gut die Hautbarriere intakt bleibt, und das vaginale Mikrobiom spielt etwa für die Fruchtbarkeit eine wichtige Rolle. Dazu kommen die Atemwege, der Magen, der Urogenitaltrakt und der Darm.
Dabei geht es längst nicht nur um Bakterien. Jede:r von uns trägt im Mund etwa 85 verschiedene Pilzarten. Das klinge im ersten Moment ein bisschen spooky, sagt Kumhofer, doch die Pilze haben dort einen Job. Den Mund mit Mundspülung permanent antimikrobiell zu behandeln, ergibt für die Gesundheit langfristig deshalb keinen Sinn, und das zeigt heute auch die Forschung.
Das größte Habitat ist der Darm. Bei einem erwachsenen Menschen leben dort rund zwei Kilo Bakterienmasse. Was sie so wertvoll macht, ist ein Tauschgeschäft. Sie brauchen bestimmte Bestandteile aus unserer Nahrung und produzieren daraus Energie für unsere Zellen. Der wichtigste Rohstoff dafür hat einen unspektakulären Namen: Ballaststoffe.

Foto: Ronny Lisker
80 Prozent deiner Immunzellen sitzen im Darm
Zu ihrem Thema kam Kumhofer über ein eigenes Problem. Als Athletin litt sie immer wieder an Nasennebenhöhlenentzündungen und musste drei bis vier Antibiotika pro Jahr nehmen, ohne dass es besser wurde. Dann riet ihr eine befreundete Ärztin, doch einmal im Darm nachzuschauen. Es folgte eine Mikrobiomanalyse mit bestimmten Entzündungsmarkern und der Frage, welche Bakterien da sind und welche fehlen.
„Das war für mich wirklich der Gamechanger.“
– Dr. Simone Kumhofer
Seitdem hat sie keine Probleme mehr mit Infekten der oberen Atemwege. Dass der Darm mit Erkältungen zu tun hat, klingt zunächst überraschend, doch die Zahlen erklären es. 80 Prozent unserer Immunzellen sitzen im Darm, ebenso 70 Prozent der Lymphozyten. Das Immunglobulin A, ein wichtiger Schutzfaktor gegen Eindringlinge im ganzen Körper, wird zu 60 Prozent in der Darmschleimhaut gebildet.
Unterhalb der Darmwand liegt lymphatisches Gewebe voller Immunzellen. Sogenannte dendritische Zellen greifen mit kleinen „Fangärmchen“ ins Darminnere und zeigen dem Immunsystem, was dort vorbeikommt. So wird die Abwehr permanent trainiert.
Eine einzige Zellschicht
Die Grenze zwischen Darminnerem und Körper ist dabei erstaunlich dünn. Der Darm ist ein sogenannter Single Layer, also eine einzige Schicht von Zellen nebeneinander, und diese Schicht ist unglaublich verletzlich. Wie gut sie hält, hängt direkt davon ab, wie die Bakterien zusammengesetzt sind. Je eubiotischer, also je ausgeglichener das Mikrobiom ist, desto besser arbeitet auch das Immunsystem.
Dein Mikrobiom ist ein Fingerabdruck
Manche Menschen essen sehr viel, und man sieht es ihnen nicht an. Andere essen wenig und nehmen trotzdem leicht zu. Auch dafür ist laut Kumhofer das Mikrobiom mitverantwortlich, denn Energie ist mehr als reine Kalorien.
Der Körper zerlegt die Nahrung in ihre Bestandteile, also in Zucker, Fettsäuren und Aminosäuren, in Vitamine, Pflanzenstoffe und Ballaststoffe. Was der Körper aus all dem macht, hängt vom Essen ab und von der individuellen Stoffwechselantwort, die bei jedem Menschen anders ausfällt.
Das Mikrobiom selbst ist ohnehin hochindividuell. Nur 9 Prozent aller Bakterien kommen in jedem Menschen vor, die übrigen 91 Prozent sind bei jedem anders zusammengesetzt. So entsteht eine persönliche mikrobielle Signatur, die sich wie ein Fingerabdruck einem einzelnen Menschen zuordnen lässt. „CSI Mikrobiom gibt’s wirklich“, sagt Kumhofer.
Was Bakterien produzieren
Bakterien brauchen etwas zum Futtern, ähnlich wie wir. Durch Fermentation stellen sie daraus Stoffwechselprodukte her, sogenannte Metabolite. Besonders wertvoll sind die kurzkettigen Fettsäuren Acetat, Propionat und Butyrat.
Vor allem Butyrat hat es in sich. Seine Produktion hängt eng mit unserer kognitiven Leistungsfähigkeit zusammen, also damit, wie gut wir uns konzentrieren und denken können. Außerdem gilt Butyrat als Schutzfaktor gegen neurodegenerative Erkrankungen im Alter wie Alzheimer oder Demenz. Wer dabei an den Chemieunterricht denkt, liegt richtig, denn Butyrat ist Buttersäure. Man kennt den Geruch von ranziger Butter, doch im Darm ist sie essenziell.
Wie wichtig sie ist, zeigt ein Blick auf Hundertjährige. Man weiß heute ziemlich genau, wie deren Mikrobiom aussieht, und es enthält viele Bakterien, die Butyrat produzieren. Für Kumhofer beginnt gesundes Altern deshalb weiter vorne, als viele denken, nämlich dort, wo das erste große Mikrobiom sitzt und dessen Zusammensetzung später auch den Darm prägt.
„Longevity beginnt wirklich im Mund.“
– Dr. Simone Kumhofer
30 Gramm Ballaststoffe und warum Vielfalt mehr zählt
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt rund 30 Gramm Ballaststoffe pro Tag, um gesund zu bleiben. Das ist ganz schön viel. Ballaststoffe sind Kohlenhydrate, die uns nur zu einem kleinen Teil als Energie zur Verfügung stehen. Der größte Teil gelangt in den Dickdarm, wo die meisten Bakterien leben, und dient dort als Futter, aus dem unter anderem die kurzkettigen Fettsäuren entstehen.
Wie bunt es bei den Zuschauer:innen auf dem Teller zugeht, fragt Kumhofer in einer Live-Umfrage: Wie viele verschiedene Obst- und Gemüsesorten hast du in den letzten 24 Stunden gegessen? 33 Prozent kommen auf ein bis zwei Sorten, 46 Prozent auf drei bis vier und 20 Prozent auf fünf bis zehn. Kumhofer zeigt sich zufrieden. Genau hier liegt für sie ein wesentlicher Punkt im Alltag: bunte Vielfalt leben.
Der Kornspitz-Irrtum
Ballaststoffe in die tägliche Ernährung zu bringen, ist schwieriger, als es klingt. Kumhofers Beispiel ist der Kornspitz, der mit einem ballaststoffreichen Lebensmittel leider nicht mehr viel zu tun hat. Auch bei Vollkornprodukten lohnt sich ein Blick auf die Nährwertangabe, denn nicht überall steckt so viel drin, wie man glauben möchte.
Verlässlich ballaststoffreich sind Gemüse und Hülsenfrüchte, und sie sollten den Großteil dessen ausmachen, was wir jeden Tag essen. Obst sieht Kumhofer eher als Zugabe, weil es viel Fruchtzucker enthält. Aus der ernährungsmedizinischen Betreuung kennt sie das Muster gut: Sagt man Menschen, sie sollen weniger Zucker essen, beginnen sie, „tonnenweise Obst“ zu essen.
Die Ausnahme sind Beeren wie Himbeeren oder Brombeeren, die reich an Polyphenolen sind und wenig Fruktose enthalten. Dazu kommen Nüsse und Samen, allerdings in hoher Qualität, denn manche Importware ist belastet. Saisonal und regional sollte deshalb ganz oben auf der Einkaufsliste stehen.
Bakterien haben Vorlieben
Entscheidend ist am Ende weniger die Menge als die Vielfalt, denn unterschiedliche Ballaststoffe füttern unterschiedliche Bakterien. Kumhofer erklärt das an der eigenen Familie. Sie selbst isst kein Fleisch und liebt Gemüse, während ihre Schwester eher auf der Fleischseite steht.
„Nicht alle Bakterien mögen unbedingt das Gleiche zum Jausnen.“
– Dr. Simone Kumhofer
Manche Bakterien lieben zum Beispiel Pektine, wie sie in Äpfeln stecken. Gerade jene Bakterien, die bei schlanken Menschen vermehrt vorkommen, profitieren davon, und so hat „An apple a day keeps the doctor away“ durchaus seine Berechtigung. Betaglukane aus Hafer und Pilzen helfen wiederum anderen Bakterien und wirken sich auf die Blutfettwerte aus, Stichwort Cholesterin. Und dann gibt es noch die resistente Stärke, die zum Beispiel in Kartoffeln steckt und für die Kumhofer einen besonderen Tipp hat.
Der 12-Stunden-Trick fürs Vorkochen
Kaum jemand hat jeden Tag Zeit und Lust zu kochen, und Meal Prep ist für Kumhofer deshalb mehr als ein Trend. Du kochst Kartoffeln, Reis oder Pasta und lässt sie dann rund 12 Stunden abkühlen. Dieser Schritt verändert die Zusammensetzung der Kohlenhydrate, und es entsteht mehr resistente Stärke.
Danach ist alles erlaubt, vom Kartoffelsalat bis zur Kartoffelsuppe, warm oder kalt. Einmal erhitzen und einmal abkühlen lassen reicht. Mit Pasta funktioniert das ebenfalls, auch wenn Kumhofer das als Kärntnerin mit der Nähe zu Italien nur vorsichtig sagt: Für Pasta, die am Sonntag gekocht und am Dienstag weiterverarbeitet wird, würden die Italiener sie „wahrscheinlich killen“.
Weitere Quellen resistenter Stärke sind Hafer, bestimmte Hülsenfrüchte und unreife Bananen. Je brauner die Schale, desto höher der Zuckergehalt.

Foto: Ronny Lisker
Der Klettverschluss im Darm
Butyrat liefert nicht nur Energie. Es dient auch anderen Bakterien als Futter, die daraus wiederum eigene Metabolite herstellen, und Kumhofer nennt das Crossfeeding. Vor allem aber hat Butyrat einen wichtigen Einfluss auf die Darmwand.
Durchlässig ist der Darm immer, und das muss auch so sein. Vom Mund bis zum Enddarm ist er zwar ein geschlossenes Rohrsystem, doch die Nährstoffe aus der Nahrung müssen irgendwie aus dem Darminneren hinausgelangen. Die Darmzellen können sich deshalb, vereinfacht gesagt, weiten und wieder schließen. Zusammengehalten werden sie von Verbindungsproteinen, den Tight Junctions, die Kumhofer mit einem Klettverschluss vergleicht.
Verändern sie sich, wird der Darm überdurchschnittlich durchlässig. Man spricht dann von erhöhter Permeabilität, im Extremfall von einem Leaky Gut. Das Immunsystem reagiert darauf dauerhaft mit niedriggradigen, subklinischen Entzündungen, die Fachleute „low grade“ oder „silent inflammation“ nennen. Ob die Barriere hält, hängt stark vom Bakterienmilieu ab, denn ist die Besiedelung im Gleichgewicht, ist auch eine intakte Darmbarriere wahrscheinlicher.
Wenn der Caffè Latte plötzlich nicht mehr geht
Ein Beispiel zeigt, was an dieser Grenzschicht passiert. Die wenigsten Menschen kommen mit einer Laktoseintoleranz auf die Welt, eine primäre Intoleranz ist sehr selten. Trotzdem merken heute viele zwischen Mitte 20 und Mitte 30, dass ihnen der Caffè Latte am Nachmittag nicht mehr bekommt. Es zwickt im Bauch, es gibt Blähungen und manchmal Durchfall. Kumhofer spricht dann von einer sekundären Intoleranz, die im Lauf des Lebens erworben wurde.
Die Erklärung liegt im sogenannten Bürstensaum, dem Übergang zwischen den feinen Härchen der Darmzellen und dem Darmschleim. Dort wird das Enzym Laktase gebildet, und Enzyme arbeiten wie Scheren, die lange Moleküle wie den Milchzucker klein schneiden. Bleibt der Milchzucker unzerschnitten, rutscht er weiter in den Dickdarm, wo sich Bakterien in übermäßiger Menge darüber hermachen. Ist der Bürstensaum entzündet, bildet der Körper weniger Laktase, und es kommt zu Verdauungsproblemen.
Was dein Ökosystem aus dem Takt bringt
In der nächsten Live-Umfrage will Kumhofer wissen, wie oft die Zuschauer:innen im letzten Jahr Antibiotika genommen haben. 70 Prozent mussten gar keine nehmen, ein Ergebnis, mit dem sie gut leben kann. Zum Vergleich nennt sie die USA, wo Kinder bis zum 20. Lebensjahr mittlerweile 30 Antibiosen hinter sich haben.
Live-Umfrage: „Wie oft hast du im letzten Jahr Antibiotika eingenommen?“
- keinmal: 70 %
- 1×: 21 %
- 2–3×: 8 %
- öfter: 1 %
Die Aufgabe eines Antibiotikums ist es, Kahlschlag zu verursachen, denn gezielt auf einzelne Bakterien gehen kann es leider nicht. Es verändert die Darmbarriere, und manche merken danach Folgen, mit denen sie nicht rechnen. Plötzlich treten Nahrungsmittelunverträglichkeiten auf, der Schlaf wird schlechter, die Stimmung ist gedrückt oder die Konzentration lässt nach. Womöglich verändert sich sogar etwas an den Hormonen, weil der Darm ständig mit dem Gehirn im Austausch steht.
Lange dachte man, nur Antibiotika würden das Mikrobiom stören. Heute weiß man, dass auch andere Medikamente es stark verändern, darunter die Antibabypille, Schmerzmittel und vor allem Antidepressiva. Wer solche Medikamente nimmt, sollte deshalb parallel auf sein Darmmikrobiom achten.
Der wichtigste Faktor sind wir selbst
Was das Ökosystem Darm am meisten stört, bringt Kumhofer auf eine klare Formel.
„Es sind wir, es ist unser Lebensstil.“
– Dr. Simone Kumhofer
Gemeint ist, wie viel Stress wir haben, wie viel oder wie wenig wir uns bewegen und was wir essen. Dazu gehört auch der Schlaf, denn Bakterien haben ebenfalls einen zirkadianen Rhythmus und können einen Jetlag bekommen. Jede Krankheit, etwa ein Virusinfekt, verändert das Mikrobiom, und Alkohol und Rauchen sowieso. Schließlich zählt die Umwelt, also wo, wie und mit wem wir leben. Menschen, die lange zusammenleben, gleichen sich in ihrer bakteriellen Signatur mit der Zeit sogar an.
Bewegung ja, aber in Maßen
Auch zwischen Darm und Muskulatur gibt es einen ständigen Dialog, die Darm-Muskel-Achse. Bewegung verändert das Mikrobiom zum Positiven, solange sie im Rahmen bleibt, und zwei- bis dreimal Sport pro Woche tun ihm gut. Im Hochleistungssport, vor allem im Ausdauersport, kippt das System dagegen eher ins Negative, weshalb gerade Ausdauersportler:innen besonders auf Mikrobiom und Darmbarriere achten müssen.
Jeder starke Trainingsreiz löst gewollte Entzündungsreaktionen aus, die aber nicht dauerhaft hochgetrieben werden dürfen. Schon vor Jahren hat man erkannt, dass die Regenerationsfähigkeit eng damit zusammenhängt, wie intakt die Darmbarriere und wie die Besiedelung ist. Im Training setzt man den Reiz, besser wird man aber erst in der Erholung.
„Die Regeneration ist eigentlich alles.“
– Dr. Simone Kumhofer

Foto: Ronny Lisker
Gesund alt statt krank alt
Österreich gehört zu den Ländern mit der höchsten Lebenserwartung. Die letzten 20 Jahre ihres Lebens verbringen die Menschen hier allerdings mit eingeschränkter Gesundheit. Das will Kumhofer ändern.
„Nur alt zu werden, aber krank alt zu werden, sollte nicht die Lösung sein.“
– Dr. Simone Kumhofer
Die stillen Beschleuniger des Alterns sind für sie klar: Entzündungsprozesse im ganzen Körper, vor allem die subklinischen. Das Schlagwort dazu heißt Inflammaging, zusammengesetzt aus Inflammation und Aging. Gemeint ist, dass wir im Alter schneller altern, weil Entzündungen dauerhaft hochreguliert sind.
Hier schließt sich der Kreis. Genügend kurzkettige Fettsäuren halten die Darmbarriere intakt, und ein ausgeglichenes Mikrobiom mit intakter Barriere beeinflusst genau diese Entzündungen. Eine Dysbiose geht außerdem häufig mit schlechter funktionierenden Mitochondrien einher, den Kraftwerken unserer Zellen. Lässt ihre Funktion nach, ist das stark mit beschleunigtem Altern verbunden. Kumhofer hat dazu vier Studien aus den letzten Jahren herausgesucht, und ihr Schluss ist eindeutig: Die Darmbarriere entscheidet maßgeblich über unser biologisches Alter.
Testen, aber richtig
In der letzten Live-Umfrage fragt Kumhofer, wer schon einmal einen Mikrobiomtest gemacht hat. 7 Prozent der Zuschauer:innen haben das bereits getan, und nur 4 Prozent wollen es lieber nicht so genau wissen. Die große Mehrheit von 89 Prozent interessiert sich dafür, hat aber noch keinen Test gemacht.
Live-Umfrage: „Hast du schon mal einen Mikrobiomtest gemacht?“
- Ja: 7 %
- Nein, interessiert mich aber: 89 %
- Nein, will’s lieber nicht wissen: 4 %
Kumhofers Rat dazu ist klar: „Bitte bestellt keinen online.“ Besser sei es, eine Therapeutin oder einen Therapeuten aufzusuchen, die oder der sich sehr individuell mit dem eigenen Mikrobiom auseinandersetzt. Dann werde der Test langfristig zu einer Investition in die eigene Gesundheit.
Was heute möglich ist, hat mit früher wenig zu tun. Vor 20 Jahren wurden im Labor nur sehr wenige Bakterienarten auf einer Agarplatte angezüchtet, was Kumhofer heute „wirklich oldschool“ nennt. Inzwischen wird die DNA sequenziert, sodass ein genetischer Fingerabdruck des Mikrobioms entsteht. Man sieht nicht nur, welche Bakterien da sind, sondern auch, was sie tun.
Ein guter Test schaut sich darüber hinaus die Darmbarriere an, über Marker im Stuhl und über einen Blutwert namens I-FABP, der als einziger Biomarker einen Schaden an den Darmzellen anzeigt. Dazu kommen das Schleimhaut-Immunsystem, die Metabolite, also etwa die Frage, ob genug Butyrat gebildet wird, und bestimmte Entzündungsmediatoren. Schließlich geht es um Verdauung und Nährstoffaufnahme. Ein guter Therapeut fügt all das in detektivischer Kleinarbeit zu einem individuellen Bild zusammen.
Wenn der Chef eine fiese Mail schreibt
Viele Termine, viel zu tun, ein hektischer Alltag: Umso entscheidender ist Stressresilienz, und auch sie hat mit dem Darm zu tun.
Darm und Gehirn stehen über die Darm-Hirn-Achse in ständigem Austausch, unter anderem über den Vagusnerv. Die Verbindung läuft in beide Richtungen, doch aus dem Darm kommen mehr Informationen ins Gehirn als umgekehrt. Kumhofer verwendet deshalb gern den Begriff Second Brain, denn der Darm redet bei Stimmung, Schlaf und Stressresilienz kräftig mit. Die Bakterien helfen zudem, Hormone zu bilden und abzubauen und Medikamente zu entgiften.
Meditation gegen Hard Rock
Wie direkt Stress auf die Bakterien wirkt, zeigt eine der ersten Studien dazu im Mausmodell. Zwei Mäuse mit komplett gleichem Mikrobiom sitzen jeweils in einem eigenen Käfig. Die eine hört 24 Stunden lang ruhige, meditative Musik, die andere 24 Stunden lang Hard Rock. „Ich mag auch AC/DC, aber nicht 24 Stunden am Tag“, sagt Kumhofer.
Danach wurde das Darmmikrobiom beider Mäuse sequenziert. Bei der Maus, die mit dem lauten, unrhythmischen Krach gestresst worden war, hatte es sich deutlich in Richtung pathogene Bakterien verschoben, also in Richtung jener Bakterien, die wir in großer Zahl nicht haben wollen.
Manche Bakterien tragen an ihrer Oberfläche Rezeptoren für Stresshormone wie Adrenalin und Noradrenalin. Schütten wir mehr davon aus, wird eine Kaskade von Reaktionen losgetreten, das sogenannte Quorum Sensing. Kumhofer nennt das „WhatsApp unter Bakterien“, denn sie kommunizieren miteinander und signalisieren sich gegenseitig, dass etwas im Argen liegt und sie reagieren müssen.
„Die Bakterien wissen nicht, ob ich grad einen Marathon lauf und an der Finishline Adrenalin ausschütte oder ob mir der Chef ein fieses E-Mail geschrieben hat.“
– Dr. Simone Kumhofer

Foto: Ronny Lisker
Fazit: Vielfalt auf dem Teller macht dein Mikrobiom widerstandsfähig
Ein perfektes Mikrobiom gibt es nicht, denn es reagiert ständig auf äußere Einflüsse, vor allem auf Stress. Doch je widerstandsfähiger es ist, desto gesünder bist du heute und desto gesünder wirst du alt. Vieles davon liegt auf deinem Teller und in deinem Alltag.
→ Iss bunt und vielfältig, vor allem Gemüse und Hülsenfrüchte, und nimm Obst eher als Zugabe, am besten Beeren.
→ Steigere Ballaststoffe langsam, statt morgen mit 30 Gramm zu starten, sonst gibt es Gase und Grummeln im Bauch.
→ Koch Kartoffeln, Reis oder Pasta vor und lass sie rund 12 Stunden abkühlen, damit mehr resistente Stärke entsteht.
→ Iss möglichst unverarbeitet und koch frisch; die viel beworbenen Superfoods braucht es dafür nicht.
→ Beweg dich zwei- bis dreimal pro Woche, achte auf deinen Schlaf und nimm Stress ernst.
→ Lass dein Mikrobiom, wenn du es kennen willst, mit therapeutischer Begleitung testen statt per Online-Bestellung.
Wenn du das nächste Mal zur Gabel greifst, denk an die zwei Kilo Mitbewohner in deinem Darm. Du isst nie allein.
Eure Fragen
Bei welcher Therapeutin oder welchem Therapeuten kann ich mein Mikrobiom konkret testen lassen?
Mittlerweile beschäftigen sich doch sehr viele mit Mikrobiomtests und Analysen, verstreut über ganz Österreich. Am liebsten ist mir, wenn ihr mir eine E-Mail schreibt. Dann verweise ich euch gerne an sehr gute Kolleginnen und Kollegen, und das ist, glaube ich, die einfachste Möglichkeit.
Worauf sollte man im Hinblick auf eine Schwangerschaft besonders achten?
Das Mikrobiom der Mutter ist ganz entscheidend für das Baby, und wie gesund ein Baby zur Welt kommt, hat sehr viel damit zu tun, wie die Geburt stattfindet. Die Plazenta ist mehr oder weniger keimfrei, und so ist der natürliche Geburtsweg der erste mikrobielle Touchpoint, der das Immunsystem moduliert. Muss ein Baby per Kaiserschnitt geholt werden, wissen die Hebammen heute schon, was zu tun ist, aber die Wahrscheinlichkeit für Allergien oder immunologische Erkrankungen ist viel höher. Während der Schwangerschaft sind Stressreduktion und Ernährung ganz entscheidend. Hat etwa das erste Kind schon immunologische Probleme oder haben beide Eltern viele Allergien, kann man vor allem im dritten Trimester das Mikrobiom gezielt modulieren, zum Beispiel mit Probiotika in hoher Keimzahl, zu denen es Studien für Mutter und Baby gibt.
Wenn die Darmbarriere beschädigt ist: Kann sie wieder besser werden?
Ja, Gott sei Dank. Die Tight Junctions, die den Darm zusammenhalten, sind Proteinstrukturen. Im ersten Schritt muss ich schauen, woher das Problem kommt, und wer fünf Antibiosen im Jahr hinter sich hat, bei dem ist das relativ klar. Viele sagen aber, dass sie sich gesund ernähren und keine Medikamente nehmen. Dann muss man ins Detail gehen und prüfen, ob es Nahrungsmittelunverträglichkeiten gibt, die man kaum merkt, die aber trotzdem einen Einfluss haben. Ist der Auslöser gefunden, kann man das Ganze über eine Modulation der Darmbarriere wieder rückgängig machen.
Ist es sinnvoll, Darmbakterien über Präparate zuzuführen? Ich nehme eines mit neun verschiedenen Bakterienstämmen.
Multispezies-Probiotika sind aus meiner Sicht durchaus sinnvoll, wichtig ist aber die Qualität. Ihr erkennt sie daran, dass auf der Packung nicht nur Lactobacillus und Bifidobacterium steht, sondern der genaue Stamm, zum Beispiel Lactobacillus casei mit einer Nummer dahinter. Zu solchen Stämmen gibt es Forscher:innen, die sich nur mit diesem einen Bakterium beschäftigen, und diese Studien kosten viel Geld. Deshalb kostet ein gutes Präparat leider auch mehr als drei Euro in der Drogerie. Für Gesunde ist es sinnvoll, Multispezies-Probiotika kurmäßig zu nehmen, zum Beispiel zweimal im Jahr für acht bis zwölf Wochen. Wer über längere Zeit merkt, dass er damit gesünder und immunologisch resilienter ist, kann sie auch dauerhaft nehmen. Und bei einer Antibiose bitte unbedingt ab Tag 1 immer ein Probiotikum dazu.
Ist selbst gemachter, nicht erhitzter Apfelessig wirklich so gesund für den Magen-Darm-Trakt, wie es im Volksmund heißt?
Entscheidend ist die Qualität, und er ist nicht für jeden gleich gesund. Essig verändert den pH-Wert im Magen, da muss man auch mit der Nahrungsaufnahme rundherum ein bisschen vorsichtig sein. Für viele Menschen ist er aber dienlich, weil er durch bakterielle Fermentation entsteht, und wir sehen ganz gute Zusammenhänge zwischen fermentierten Lebensmitteln und einem gesunden Darm. Das gilt bei uns in Österreich zum Beispiel auch für Sauerkraut. Bitte das Selbstgemachte oder das frisch aus dem Bottich am Naschmarkt, nicht das aus dem Supermarkt, das ultrahoch erhitzt wurde und in dem kein Leben mehr drin ist.
Über Simone
Dr. Simone Kumhofer, MMSc verbindet Sport- und Ernährungswissenschaften, Gesundheitswissenschaften und klinische Ernährungsmedizin mit einem besonderen Schwerpunkt auf dem menschlichen Mikrobiom. Als ehemalige Profi-Triathletin kennt sie Stoffwechsel, Ernährung und Leistungsfähigkeit nicht nur aus der Wissenschaft, sondern auch aus dem Spitzensport. Heute beschäftigt sie sich an der Schnittstelle von Forschung und Praxis insbesondere mit Mikrobiom, Ernährung, Stoffwechsel und der Frage, wie sich wissenschaftliche Erkenntnisse sinnvoll in den Alltag übersetzen lassen.
Über Windhund 365
Mit Windhund 365 holst du solche Health Events das ganze Jahr für alle Mitarbeitenden ins Unternehmen, live aus dem TV-Studio und mit Aufzeichnung.



