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Philipp Kaider – Erfolgsfaktor Scheitern

Regeneration, mentale Stärke und Neuanfang

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Titelbild

Sekundenschlaf im Gegenverkehr, Long Covid, eine Bandscheiben-OP und ein Unfall mit dem eigenen Betreuerauto: Philipp Kaiders Weg an die Spitze des Ultracyclings ist eine Abfolge von Rückschlägen. Er nennt das Scheitern deshalb seine eigentliche Kernkompetenz. In seinem Vortrag erzählt er, wie er nach jedem Absteigen wieder aufs Rad gefunden hat und welche zwei einfachen Fragen ihm dabei helfen. Beide kannst du dir auch stellen, wenn du nie ein Radrennen fährst.

Ein Packerl am Tag

Philipp Kaider beginnt mit einem Geständnis. Er steht vor dem Publikum, weil er das Race Across America zweimal gewonnen hat, zweimal Weltmeister im 24-Stunden-Rennen wurde und einen Weltrekord hält. Eigentlich aber ist er Krankenpfleger auf einer Intensivstation, und früher war er vor allem eines: ein erfolgreicher Raucher. Wer ein Packerl Zigaretten am Tag schafft, findet Kaider, darf sich ruhig so nennen.

Auch sein Lebensstil war damals ein anderer. Sein Wochenende begann am Mittwoch und dauerte bis Sonntag. Dann fing er auf der Intensivstation zu arbeiten an, und dort wurde ihm schlagartig klar, wohin dieser Weg führt.

„Wenn ich so weitermache, dann liege ich einmal da.“

– Philipp Kaider

Heute zählt er zu den erfolgreichsten Ultracyclern, obwohl er damals eigentlich nur mit dem Rauchen aufhören wollte. Fragt man ihn, was er am besten kann, muss er sein Publikum allerdings enttäuschen. Radfahren ist es nämlich nicht.

„Meine Kernkompetenz ist Scheitern.“

– Philipp Kaider

Wie man vom erfolgreichen Raucher zum Sieger des Race Across America scheitert, davon handelt sein Vortrag. Zuerst will er wissen, wer schon einmal vom Race Across America gehört hat. In einer Live-Umfrage antworten 71 Prozent mit Ja und 29 Prozent mit Nein. Dann erklärt er, worum es bei seinem Sport überhaupt geht.

Live-Umfrage: „Hast du vor heute schon einmal etwas vom Race Across America gehört?“

  • Ja: 71 %
  • Nein: 29 %

5.000 Kilometer ohne Pausentaste

Ultracycling, erklärt Kaider, sind Radrennen, „bei denen’s ein bissel länger dauert“. Die Sprintdistanz liegt bei 24 Stunden. Längere Rennen umrunden ein ganzes Land wie Österreich oder Polen, und wem das noch zu kurz ist, dem bleibt nur ein Kontinent. Das Race Across America führt einmal quer durch die USA, über 5.000 Kilometer, 50.000 Höhenmeter und vier Zeitzonen.

Wüste, Höhe und Regen

Die Distanz ist für Kaider gar nicht das Tragische an diesem Rennen, schwerer wiegt das Klima. In den ersten anderthalb Tagen führt die Strecke durch die Wüste, wo es tagsüber bis zu 47 Grad im Schatten hat und um zwei Uhr nachts immer noch 34 Grad. Trotzdem kann er höchstens einen Liter pro Stunde trinken, weil sein Körper nicht mehr Flüssigkeit aufnehmen kann.

Das rächt sich in Colorado. Dort fährt er einen ganzen Tag auf einem Hochplateau auf rund 1.600 Metern und überquert Pässe, die höher als 3.000 Meter sind. In der dünnen Luft kann die Flüssigkeit, die der Körper nicht aufgenommen hat, in die Lunge gedrückt werden. Es droht ein Lungenödem, das eng mit einer Lungenentzündung verbunden ist.

Danach geht es in die Prärie. Das klingt romantisch, bedeutet aber rund 1.000 Kilometer völlig flache Strecke durch Kansas. Und je länger ein Rennen dauert, desto wahrscheinlicher wird Regen. Im Vorjahr regnete es fünf Tage lang, jeden Tag sechs bis zwölf Stunden. Wer nachfühlen will, wie sich das anfühlt, soll sich laut Kaider einfach einmal zwölf Stunden unter die Dusche stellen.

Die Uhr läuft immer

Was Ultracycling so speziell macht, ist der Rennmodus. Die Zeit beginnt zu laufen, sobald er über die Startlinie fährt, und stoppt erst an der Ziellinie, auch wenn er zwischendurch stehen bleibt. Daraus folgt eine goldene Regel: Alles, was auf dem Rad erledigt werden kann, wird auf dem Rad erledigt. Es gibt genau zwei Ausnahmen, den Gang aufs Klo und den Schlaf.

„Es ist eine sehr schlechte Idee, am Radl zu schlafen.“

– Philipp Kaider

Weil er im Schlaf Zeit verliert, begrenzt er ihn auf ein Minimum, und so ist jedes Rennen über 24 Stunden mit Schlafentzug verbunden. Kaider fährt zuerst rund anderthalb Tage durch und schläft dann 80 Minuten. Danach folgen alle 24 Stunden wieder 80 Minuten, damit er in einen Rhythmus findet. Bei seinem Antreten heuer bedeutete das 8 Tage und 19 Stunden Rennzeit bei insgesamt 9 Stunden Schlaf.

Studiomonitor mit Kaiders Folie zum Schlafentzug und Rennfotos aus dem Race Across America

Foto: Ronny Lisker

138 Bananen am Tag

Rund 15.000 Kalorien braucht Kaider pro Renntag, über das ganze Rennen mehr als 100.000. Das entspricht 138 Bananen, 18 Salamipizzen oder 30 Big Macs am Tag. Die 18 Pizzen in 24 Stunden traut er sich durchaus zu, nur könnte er danach nicht mehr Rad fahren. Deshalb ernährt er sich während des Rennens ausschließlich flüssig, und weil sich der Verdauungstrakt schon vorher umstellen muss, heißt das bis zu 14 Tage nur Flüssigkeit.

Mit der Brechstange

Bevor Kaider überhaupt an der Startlinie des Race Across America stehen konnte, musste er erst seine Kernkompetenz erlernen. Das begann 2019 beim Race Around Austria 1500, das über 1.500 Kilometer und rund zweieinhalb Tage Rennzeit führt. Kaider wollte es mit der Brechstange. Er wollte das Rennen mit Streckenrekord gewinnen und durfte dafür nur ein einziges Mal schlafen, für 20 Minuten.

Er zog das durch. 100 Kilometer vor dem Ziel lag er auf Platz eins und auf Rekordkurs, geriet aber wegen ständigem Sekundenschlaf immer wieder in den Gegenverkehr. Sein Team, das auch für seine Gesundheit verantwortlich ist, tat das einzig Richtige und legte ihn schlafen. In dieser Zeit fuhren der Zweite und der Dritte an ihm vorbei, und das Rennen endete für ihn 100 Kilometer vor dem Ziel.

Die größere Brechstange

2020 war für Kaider klar, dass er eine größere Brechstange braucht. Er wechselte zu einem neuen Trainer, mit dem er bis heute arbeitet und den er liebevoll „Folterknecht“ nennt. Gleichzeitig arbeitete er 40 Stunden auf der Intensivstation und saß 20 Stunden auf dem Rad, und das schon seit 2015. Es waren fünf Jahre Doppelbelastung.

Im Rennen hatte er nach 400 Kilometern drei Stunden Vorsprung und lag wieder auf Rekordkurs. Dann begann er, sein Leben zu hinterfragen. Rückblickend hält er das für eine sehr schlechte Idee, denn nach 400 Kilometern auf dem Rad tut einem etwas weh, und beim Nachdenken kommt dann nichts Gutes heraus. Er funkte seinem Team eine klare Ansage.

„Ich fahr jetzt keinen Meter mehr weiter. Ich verkauf alle Radl, ich nehm einen Hund.“

– Philipp Kaider

Er stieg ab. Seinen beiden Sponsoren, die damals schon Teile der Rennkosten trugen, musste er danach erklären, warum.

Arbeit oder Rad

Danach blieb eine Erkenntnis, die viele Berufstätige kennen dürften: So konnte es nicht weitergehen, Rad fahren wollte er aber trotzdem. Kaider sah zwei Möglichkeiten, entweder gleich viel arbeiten und weniger Rad fahren oder weniger arbeiten und gleich viel Rad fahren. Im September beschloss er mit seinen Sponsoren ein Budget, mit dem er ab dem folgenden Jänner semiprofessionell Rad fahren konnte. Für ihn ging damit ein Traum in Erfüllung.

60 Prozent weniger und ein Gesetz

Doch dann kam Covid dazwischen, und zwar nicht nur Covid, sondern Long Covid, noch im November desselben Jahres. Kaider verlor 60 Prozent seiner Leistung. Damals wusste niemand, ob das wieder vergeht und ob er jemals wieder so leistungsfähig sein würde. Sein Traum war geplatzt, bevor er überhaupt begonnen hatte.

Wieder hatte er zwei Möglichkeiten. Er konnte sich einen Hund nehmen, oder er setzte sich jeden Tag auf das, wie er sagt, „depperte Radl“. Wer seine alte Leistung kennt und weit dahinter neu anfangen muss, für den ist jede Ausfahrt unangenehm. Kaider entschied sich trotzdem fürs Rad, mit der kleinen Hoffnung, dass es irgendwann besser wird. Dabei lernte er die wichtigste Lektion, die ihn bis heute begleitet und die er sein Gesetz Nummer eins nennt.

„Es gibt nur einen einzigen Ort, wo alles besser wird, und der ist am Radl.“

– Philipp Kaider

Nach einem halben Jahr wurde es tatsächlich besser. Kaider gewann das Race Around Austria 1500, endlich, und endlich auch mit Streckenrekord. Im Nachhinein findet er allerdings, dass dieses hochgesteckte Ziel gar nicht nötig gewesen wäre: „Eigentlich war’s komplett unnötig.“

In Aeroposition lümmeln

Was macht man als Nächstes? Kaider entschied sich, wie er trocken sagt, für einen Bandscheibenvorfall, und zwar gleich für einen mit Lähmung. Das bedeutete eine Operation, und so lag er zu Ostern auf dem OP-Tisch. Trainieren konnte er nicht. Also stellte er sich die Frage, die von nun an immer wiederkommt: Was kann ich tun, damit es besser wird?

Sein Chirurg erzählte ihm, dass Hermann Maier nach seiner Bandscheiben-OP schon im Bett zu trainieren begonnen hatte. Genau das machte Kaider. Am ersten Tag nach der Operation versuchte er, die tiefe Muskulatur wieder anzusteuern und Stabilität ins Becken zu bringen. So begann sein Training für das Race Around Austria im August, die lange Version über 2.200 Kilometer einmal rund um ganz Österreich.

Wenn der Kopf nicht mehr will

Schon bei früheren Rennen hatte er Probleme mit dem Nacken gehabt. Bei einem Shermer’s Neck lässt sich die Nackenmuskulatur nicht mehr ansteuern, der Kopf hängt einfach nach unten. Kaiders Lösung war ein Stiffneck, eine Halskrause aus der Notfallmedizin, bei der auf Komfort wenig Wert gelegt wird. Am Kühtai in Tirol begannen die Nackenprobleme, und vor ihm lagen noch Vorarlberg und der ganze Weg zurück bis St. Georgen im Attergau.

Nach einem Tag hielt er die Halskrause nicht mehr aus, weil sie nur noch wehtat und drückte. Ohne Aeroposition aber konnte er nicht schnell fahren. Er saß aufrecht wie auf einem Hollandrad, um überhaupt noch etwas zu sehen, und fiel auf Platz drei zurück.

Weinen, aber weiterfahren

Kaider war komplett verzweifelt und weinte. Wieder gab es zwei Möglichkeiten: absteigen und weinen oder sich an sein Gesetz Nummer eins halten. Er blieb auf dem Rad, weinend, aber wenigstens kam er voran.

Während er so dahinfuhr, kam ihm ein Gedanke. In Aeroposition fahren konnte er nicht, weil er den Kopf nicht halten konnte, aber in Aeroposition lümmeln, mit dem Kinn auf die Hand gestützt, das ging. So lümmelte er von Innsbruck bis nach St. Georgen im Attergau. Rückblickend sei das eine sehr schnelle Position, sagt er. Nur einen Rat gibt er mit: Wer vorhat, sehr lange zu lümmeln, sollte sich das Kinn mit Vaseline einschmieren, denn seines war danach offen.

Philipp Kaider lächelnd am Pult vor dem grün beleuchteten Vorhang

Foto: Ronny Lisker

Zwei Tonnen Pulver

Im Jahr darauf wollte Kaider seinen Weltmeistertitel im 24-Stunden-Rennen in Amerika verteidigen. Schon nach vier Stunden wurde ihm schlecht, und zwölf Stunden später war es nicht besser. Er konnte keine Kohlenhydrate mehr aufnehmen, brach ab und flog völlig geknickt nach Hause.

Er verstand nicht, warum er sein Kohlenhydratpulver, das er seit Jahren gut vertrug, plötzlich nicht mehr vertrug. Mit einem Freund, der Ernährungswissenschaftler ist, experimentierte er zu Hause mit verschiedenen Zuckerarten und der Feinwaage. Daraus entstand ein gemeinsames Unternehmen mit einem eigenen Kohlenhydratpulver. Das war riskant, denn was, wenn er es nicht verkauft?

Hier taucht die zweite Frage auf, die Kaider sich seither immer wieder stellt: Was ist das Schlimmste, das passieren kann? Die Antwort fiel beruhigend aus. Ein trockenes Pulver verdirbt bei guter Lagerung kaum, und Kaider rechnete aus, dass er es einfach selbst trinken kann, wenn er so weiterfährt wie bisher, bis er 80 Jahre alt ist. Ein Risiko sah er damit nicht mehr, und so kauften sie zwei Tonnen.

Immer zwei Möglichkeiten

Vielleicht ist dir das Muster schon aufgefallen. Es passiert etwas, und dann gibt es zwei Möglichkeiten.

Zusammengefahren in Polen

2024 startete Kaider beim Race Around Poland, der Ultracycling-Weltmeisterschaft. Sein eigener Betreuer hatte am Steuer einen Sekundenschlaf und fuhr ihn zusammen. Kaider lag auf der Straße, ein bisschen abgeschunden und mit einer kaputten Felge, also „ganz passabel eigentlich“. Bis der Pannendienst das Auto geborgen hatte, vergingen allerdings fünf Stunden, und er verlor viele Plätze.

Wütend auf seinen Betreuer zu sein, hätte nichts geholfen, denn der war ohnehin am Boden zerstört, und schneller hätte es Kaider auch nicht gemacht. Also griff wieder sein goldenes Gesetz.

„Nur weil mich ein Auto zusammengefahren hat, heißt das noch lange nicht, dass ich nicht mehr Rad fahren kann.“

– Philipp Kaider

Er setzte sich wieder aufs Rad, und für das ganze Team war das Motivation pur. Sie fuhren „wie die Teufel“ und holten alle verlorenen Plätze wieder auf.

Fünf Tage vor dem Start

2025 stand Kaider nach jahrelanger Vorbereitung endlich vor dem Start des Race Across America. Fünf Tage vorher bekam er Zahnschmerzen. Der Kieferchirurg fand einen Abszess, eine ganze Zyste unter zwei Zähnen, und wollte beide ziehen. Kaider konnte mit den Schmerzen leben und versuchen, sie mit Antibiotika in den Griff zu bekommen, oder zwei Zähne verlieren und trotzdem Schmerzen haben.

Er holte sich Antibiotika, fuhr das Rennen und gewann es. Die Zähne ließ er sich danach entfernen, und weil es ein größerer Eingriff war, blieb er sogar zwei Tage im Spital.

Über die Schlucht springen

Die Finanzierung war bis dahin immer wackelig gewesen, denn ein Race Across America kostet rund 60.000 Euro. Für 2025 hatte Kaider den Rest seiner Ersparnisse in das Rennen gesteckt. Für 2026 fand er endlich einen Namenssponsor und war glücklich, dass das Rennen erstmals schon im Vorfeld finanziert war.

Zwei Wochen später kürzte ein großer Sponsor um zwei Drittel, und das neue Sponsoring war an die Teilnahme geknüpft. Das Rennen war also wieder nicht finanziert, und seine Ersparnisse steckten zur Hälfte im Rennen des Vorjahres und zur anderen Hälfte als weißes Pulver im Lager. In dieser Lage fiel ihm ein chinesisches Sprichwort ein: Wenn du über eine Schlucht springen willst, kannst du nur einmal springen.

Kaider meldete sich an, ohne die nötigen Mittel zu haben. Er gibt zu, dass das sehr waghalsig war. Doch wieder fragte er sich, was das Schlimmste wäre, das passieren kann, und die Lösung war einfach: Er konnte immer noch die Mama um Geld fragen.

Aus einem Haufen wird ein Team

Der wichtigste Aspekt, um überhaupt Ultracycling-Rennen fahren zu können, ist für Kaider das Team.

„Du gewinnst nie allein. An dem Tag, an dem du etwas anderes glaubst, fängst du an zu verlieren.“

– Philipp Kaider

Für ein Race Across America braucht er elf Menschen, die 18 Tage Urlaub nehmen, um ihn in Amerika zu betreuen. Solche Leute zu finden, wird immer schwieriger. Also fragte er Freunde von Freunden, und zwei, drei Wochen später hatte er elf Leute, aber auch ein Problem. Vier davon kannte er selbst, drei kannten sich untereinander, und nur zwei waren schon einmal bei einem Radrennen dabei gewesen. Das klang für ihn stark nach einem Teambuilding-Event, das er in Amerika veranstalten würde.

Ausgerechnet Gruppenarbeit

Um aus dem bunten Haufen ein Team zu machen, griff Kaider auf das zurück, was er in der Schule am meisten gehasst hatte: Gruppenarbeit. Er bestimmte zwei Teamchefs und vergab jede Aufgabe doppelt, denn bei 12-Stunden-Schichten kann niemand ihn rund um die Uhr betreuen. Mit jedem Teammitglied führte er vorher ein Gespräch über dessen Aufgabe und machte klar, dass bei so einem Rennen sein ganzes Leben daran hängt.

Die beiden Teamchefs, die sich nicht kannten, mussten nun ständig telefonieren, um sich abzustimmen, und wer sich eine Aufgabe teilte, musste ebenfalls miteinander reden. So stand in Amerika am Ende ein fertiges Team aus elf Leuten, die sich zum Teil vorher noch nie gesehen hatten.

Ankommen und Mut zur Lücke

Auch bei den Zielen hat das Team eine klare Rangfolge. Das allerwichtigste Ziel ist, das Ziel zu erreichen, und darüber steht nur noch die Gesundheit. Das zweitwichtigste heißt Mut zur Lücke, also Rückschläge in Kauf zu nehmen, um das erste Ziel zu erreichen.

Erst benennen, dann darüber lachen

Für unangenehme Dinge hat das Team einen eigenen Zugang. Zuerst wird die Sache benannt, und zwar genau so, wie sie ist, auch sehr direkt. Danach machen sie sich gemeinsam darüber lustig. So bekommt die Sache einen lustigen Beigeschmack und verliert ihren Schrecken, und was eben noch wie eine Sackgasse aussah, öffnet den Blick für andere Lösungen.

Kaiders Betreuer aus Polen hat das vorgemacht. Einen Tag nach dem Unfall sagte er zu ihm, wenn er jetzt nicht ordentlich Rad fahre, fahre er ihn noch einmal zusammen. Ab da war der Bann gebrochen, jeder machte seine Witze darüber, und aus dem Unfall wurde eine lustige Geschichte.

170 Mal feiern

Dazu kommt das Feiern. Das Team feiert nahezu jeden kleinen Erfolg, denn Feiern schafft ein Wir-Gefühl und macht aus einem Haufen ein kompaktes Team. Beim Race Across America wollte Kaider jede Stunde wissen, ob er schneller war als der Fahrer hinter ihm, und zwar um eine Meile.

Die Aufgabe war so klar, dass er sie selbst mit Schlafentzug noch verstand. Hatte er sie verfehlt, musste er eben fester treten. So gab es bestenfalls 170 Gründe zum Feiern.

Regieplatz mit Monitor, auf dem Kaiders Titelfolie „Erfolgsfaktor Scheitern“ läuft

Foto: Ronny Lisker

Das teuerste Jausenbrettl der Welt

Das Race Across America bezeichnet sich selbst als härtestes Radrennen der Welt, und man würde einen pompösen Zieleinlauf erwarten. Kaider zeigt die Wirklichkeit im Video, und sie ist alles andere als pompös. Zu hören ist nur: „Bravo, Philipp.“

Gibt es dann wenigstens viel zu gewinnen? Kaider lässt das Publikum tippen, ob es eine Million Euro sind, 100.000 Euro, 10.000 Euro oder ein Jausenbrettl, also ein Brett für die Brotzeit. Die meisten schätzen richtig. Man gewinnt das teuerste Jausenbrettl der Welt, dazu ein Stück Metall und einen Handschlag vom Veranstalter. Zum Schluss gibt Kaider einen einzigen Satz mit.

„Wer richtig scheitert, scheitert nur einen kurzen Moment.“

– Philipp Kaider

Denn das Nächste, was man sich überlegen muss, ist die Frage, was man jetzt tun kann, damit es wieder besser wird. Und wer einmal ratlos ist, für den gilt sein Gesetz Nummer eins: Es gibt einen Ort, an dem alles besser wird.

Philipp Kaider und der Moderator Arm in Arm im Studio nach der Fragerunde

Foto: Ronny Lisker

Fazit: Wer richtig scheitert, scheitert nur einen kurzen Moment

Philipp Kaiders Weg zu zwei Siegen beim Race Across America führt über abgebrochene Rennen, Krankheit, Unfälle und Geldsorgen. Weitergebracht haben ihn zwei einfache Fragen und ein Team, das Rückschläge benennt, darüber lacht und kleine Erfolge feiert. Beides lässt sich vom Rennrad direkt in den Arbeitsalltag mitnehmen.

→ Frag dich nach jedem Rückschlag zuerst: Was kann ich jetzt tun, damit es besser wird?

→ Stell dir vor riskanten Entscheidungen die Frage, was das Schlimmste ist, das passieren kann.

→ Setz dir kleine Ziele, die du oft überprüfen kannst, statt eines einzigen großen am Ende.

→ Verteil Aufgaben klar und kläre die Rollen, bevor es stressig wird.

→ Benenn Unangenehmes so, wie es ist, und erlaub dir, darüber zu lachen.

→ Feiere kleine Erfolge gemeinsam mit deinem Team.

Wo ist dein Ort, an dem alles besser wird?

Eure Fragen

Was machst du, dass du so mental stark bist?

Ich arbeite mit einem Sportpsychologen, mit dem ich schon viel gemacht habe. Mein Problem war lange, dass das in einem geschützten Setting passiert ist, ohne die unangenehmen äußeren Einflüsse eines Rennens, und ich es im Rennen nie umsetzen konnte. Er hat das schön beschrieben: Früher hieß es „Ich muss gewinnen“, jetzt heißt es „Ich will gewinnen“. Das ist ein Riesenunterschied, weil extrem viel Druck weggefallen ist. Je lockerer ich die Dinge sehe, desto besser fahre ich Rad. Ich versuche, alles ohne Druck zu machen, und ich weiß, dass ich scheitern darf.

Wie schafft man es, in schwierigen Situationen positiv zu bleiben?

Ich frage mich, was hilft und was es besser macht. Dazu habe ich gerade ein super Beispiel: Im Herbst laufen immer die Sponsoringgespräche, und mein großer Sponsor hat aufgehört. Ich habe aktuell keine Ahnung, wie ich das nächste Jahr finanzieren soll. Dann habe ich mir gedacht, dass es für eine Keynote nichts Besseres gibt. Die Situation selbst ist unangenehm, und ich kann sie nicht ändern. Was ich ändern kann, ist mein Blickwinkel darauf, und dann sehe ich auf einmal eine neue Möglichkeit. Stellt euch vor, Real Madrid gewinnt die Champions League und spielt nächstes Jahr in der dritten spanischen Liga, weil kein Geld da ist. Gibt’s ja nicht, oder?

Wie findet man seinen Ort, an dem alles besser wird?

Das kann ich wirklich schwer beantworten. Der richtige Ort ist, glaube ich, der, an dem man in den Flow kommt. Wo man irgendwann draufkommt, dass man gar nichts mitbekommen hat, weil man mit den Gedanken nur bei sich war. Das ist Me-Time, das ist Achtsamkeit. Wo man das erlebt, ist ganz individuell, manchmal ist es beim Kochen, es kann alles sein.

Was hältst du vom Thema Longevity?

Ich sehe im Spital, dass wir oft das Leben verlängern können, aber nicht die Lebensqualität. Wichtig ist, wie viele Jahre jemand mit Lebensqualität hat. Longevity ist eine Industrie, und da gibt es super Sachen, aber ich sehe das alles on top. Wenn die Basics nicht stimmen, bringen mir die ganzen Geräte gar nichts. Die Basics sind Schlaf, Essen und Achtsamkeit, also wie viel Zeit ich mir nehme und wirklich bei mir bin. Das reduziert Stress, und dann schlafe ich besser. Es hilft nichts, wenn ich 300 Watt treten kann, aber das Gleichgewicht nicht halte.

Wie regenerierst du nach dem Rennen und währenddessen?

Nach einem Monat fühle ich mich langsam wieder wie ein Radfahrer, insgesamt dauert es rund zwei Monate. Das ist eine Gratwanderung, denn ich bin sehr erschöpft, aber ohne Training nimmt der Mitochondrienbesatz schon nach drei Tagen ab. Während des Rennens kann man ehrlich gesagt kaum etwas machen, die Schmerzen werden mehr. Nach jeder Schlafpause habe ich beim Aufsteigen Knieschmerzen, als würde mir jemand ein Messer ins Knie rammen, weil der kalte Oberschenkelmuskel an der Patellasehne zieht. Ich muss mich dem Schmerz aussetzen, denn nur beim Fahren wird der Muskel warm. Ich bin keine Maschine, aber ich weiß zu 100 Prozent, dass es wieder besser wird. Und das kannst du auf alle Lebenslagen umlegen.

Über Philipp

Vom Kettenraucher zum Sieger des Race Across America: Philipp Kaider tauschte 2012 die Zigaretten gegen das Rad und zählt heute zu den erfolgreichsten Ultraradfahrern Europas. Der diplomierte Krankenpfleger aus dem Weinviertel ist zweifacher 24h-Zeitfahr-Weltmeister, Guinness-Weltrekordhalter und gewann 2025 das Race Across America (4.900 km in unter 9 Tagen). Sein Motto: „Die Grenze ist die eigene Vorstellungskraft.“

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