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Bardia Monshi – Das Beste ist noch nicht vorbei

Vitalpsychologische Wirkzeuge für mehr Blütezeit im Leben

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Titelbild

Was dir guttut, weißt du wahrscheinlich längst, und trotzdem schiebst du das Gute gern auf später. Bardia Monshi zeigt, warum Blühen weniger mit Disziplin zu tun hat als mit Wechselspielen, mit Anfängergeist und mit einem freundlicheren Umgang mit dem eigenen Stress. Er erklärt, warum die guten Zeiten so schnell vergehen und was eine Sandwespe mit Burnout zu tun hat. Dazu gibt er Wirkzeuge mit, die du schon morgen im Job ausprobieren kannst.

Überleben, Leben, Erleben

In der Vitalpsychologie, sagt Bardia Monshi, gilt ein einfacher Satz: Der Mensch driftet. Er bewegt sich ständig zwischen Überleben, Leben und Erleben, und zwar zu jeder Zeit und in jeder Sekunde. Monshi lädt deshalb gleich zu Beginn ein, kurz innezuhalten und sich zu fragen, wo man gerade steht. Er selbst hatte es an diesem Tag sehr eilig ins Studio, das fühlte sich eher nach Überlebenskampf an.

Das Ziel ist aber immer das Erleben. Wer das Leben nicht nur übersteht, sondern wirklich erlebt, der ist für Monshi am Blühen.

Weil oder obwohl

Das erste Bild zeigt Gene Kelly, der im Regen singt. Warum er das tut, wissen wir, denn der Mann ist schwer verliebt. Aus psychologischer Sicht ist Verliebtheit allerdings ein bedenklicher Zustand, fast schon etwas Pathologisches. Das Urteilsvermögen ist nachweislich stark herabgesetzt, man ist viel zu optimistisch und quasi am Überblühen. Deshalb muss sich die Verliebtheit irgendwann in Liebe verwandeln.

Den Unterschied macht ein einziges Wort. In der Verliebtheit sagen wir: Ich liebe dich, weil du so schön, so lieb oder so reich bist. In der Liebe sagen wir: Ich liebe dich, obwohl. Für Monshi ist das bereits ein erstes Werkzeug für mehr Blütezeit, denn wer Menschen wirklich begegnen will, braucht dieses Obwohl.

Gut versteckt, aber gefunden werden

Auf dem nächsten Bild sitzen zwei Menschen beisammen, und jeder schaut auf seinen eigenen Bildschirm. Man merkt sofort, dass da etwas verloren geht. Der Entwicklungspsychologe Donald Winnicott hat dazu beobachtet, dass Kinder es lieben, beim Spielen gut versteckt zu sein. Eine Katastrophe aber ist es, nicht gefunden zu werden.

In der Arbeit geht es uns genauso, sagt Monshi. Wir stehen nicht immer gern vor der Kamera und sind manchmal ganz gern versteckt. Wenn wir mit unserem Bemühen aber gar nicht gesehen werden, ist das eine Katastrophe. Das erste Prinzip des Blühens lautet deshalb, aus den eingeübten Mustern herauszufinden und in die echte Begegnung zu kommen.

„Deine Präsenz ist ein Präsent.“

– Bardia Monshi

Titelfolie „Das Beste ist noch nicht vorbei!“ auf dem Studiomonitor

Foto: Ronny Lisker

„Ich funktioniere nur noch“

Aus alten Mustern herauszufinden beginnt schon dabei, wie wir über uns selbst sprechen. In den Zwanzigerjahren veröffentlichte Fritz Kahn ein Buch mit dem Titel „Der Mensch als Industriepalast“. Bis heute vergleichen wir Menschen ausgesprochen gern mit Maschinen, und das hört man im täglichen Sprachgebrauch. Der tickt nicht richtig, der hat eine Schraube locker, ich bin halt so programmiert, und mir raucht schon der Kopf. Die beliebteste Metapher, wenn es um psychische Gesundheit geht, lautet: Ich kann nicht abschalten.

In seiner Praxis sagen Menschen oft: „Herr Doktor, ich funktioniere nur noch.“ Für einen Drucker wäre das ein Kompliment, denn er funktioniert, und zwar immer. Für einen Menschen ist derselbe Satz ein Verwelkungszeichen. Wer in den Funktionsmodus rutscht, verliert etwas Blühendes und hört eigentlich auf, lebendig zu sein.

„Wir sollen gar nicht funktionieren.“

– Bardia Monshi

Warum die guten Zeiten so schnell vergehen

Monshi erzählt dann von einer Zeit, in der ihm das Blühen schwerfiel. Als Jugendlicher hatte er ein großes Problem mit der Zeit an sich. Schöne Erlebnisse, etwa ein Abend mit Freunden, vergingen wie im Flug. Das Schwierige dagegen zog sich endlos, allen voran die Schulzeit.

Als Student ohne Geld sparte er lange auf eine Woche in den Bergen zum Snowboarden. Schon Monate vorher war er unglücklich darüber, wie schnell diese Woche vergehen würde. Dann kam der erste Tag, zack, war er vorbei, und die Woche verflog. Er ärgerte sich vorher, währenddessen und nachher.

Kulturelle Episoden

Die Psychologie hat eine Erklärung dafür, warum die Zeit für Erwachsene gefühlt immer schneller vergeht. Erwachsene erleben mehr kulturelle Episoden, also Abschnitte, die die Kultur für sie vorgesehen hat. Man steht in der Früh auf, macht sich fertig und geht in die Arbeit.

Der Montag ist so ähnlich wie der Dienstag, und der Dienstag so ähnlich wie der Mittwoch. Auch das Wochenende wiederholt sich mehr oder weniger. Ehe man sich versieht, sind die Jahre verflogen, denn weil alles so gleich war, verdichtet sich die Zeit in der Erinnerung.

Sei nicht sphexy

Wohin ein Leben aus lauter Wiederholung führen kann, erzählt Monshi am Beispiel der Sandwespe. Sie legt ihr Futter an den Rand ihrer Sandhöhle und schaut zuerst nach, ob drinnen alles in Ordnung ist. Erst dann holt sie das Futter herein und frisst es.

1890 machte ein Wissenschaftler dazu ein Experiment. Während die Wespe in der Höhle nachsah, schob er das Futter ein paar Zentimeter weg. Die Wespe kam heraus, legte es zurück an den Rand und kroch wieder hinein, um nachzusehen. Ihr Verhalten anpassen konnte sie jedenfalls nicht, und so blieb sie in der Schleife, bis sie vor Erschöpfung liegen blieb.

Monshi spricht von einer Sandwespe im Burnout und betont, dass er das gar nicht zynisch meint.

„Das Phänomen Burnout entsteht insbesondere durch ein Zuviel vom Selben, was der Organismus nicht mehr verkraften kann.“

– Bardia Monshi

Auf Latein heißt die Sandwespe Sphex, und daraus macht Monshi einen Merksatz: Sei nicht sphexy. Gegen Routinen spricht das ausdrücklich nicht. Wer regelmäßig seine Kniebeugen macht, ist nicht sphexy, denn das führt zum Gelingen. Sphexy sind wir, wenn wir mehr vom Selben machen, das uns unglücklich macht oder gar nichts bringt.

Welcher Daumen liegt oben?

Unsere Gesundheit hängt stark von unseren Gewohnheiten ab, und wie fest sie sitzen, zeigt ein kleines Experiment. Verschränk die Finger ineinander, lös die Hände und verschränk sie noch einmal. Fast immer liegt derselbe Daumen oben.

Verschränkst du die Finger nun bewusst so, dass der andere Daumen oben liegt, meldet sich laut Monshi eine ganz bestimmte Hirnregion. Neben Stirn- und Schläfenlappen springt bei kleinen Veränderungen, so der in Wien aufgewachsene Psychologe, der Wiener Jammerlappen an: „Na geh bitte, das war aber früher schon besser.“ Wer blühen will, braucht eine andere Haltung zu solchen kleinen Veränderungen, denn mit den kleinen beginnt es.

Balance ist kein Steinturm

Kleine Veränderungen gelingen leichter mit Wechselspielen, und das hält Monshi für vielleicht die beste Nachricht des Tages. Es geht gar nicht darum, die eine Sache richtig zu machen. Sind Bewegung und Übungen gut? Ja. Solltest du nur noch Übungen machen? Nein.

Manchmal brauchst du körperliche Anstrengung, manchmal den viel beliebten Chillfaktor. Du brauchst das Einatmen und das Ausatmen, den Schlaf und das Wachsein. Und manchmal möchtest du vor der Kamera stehen, manchmal dich weit von ihr verstecken.

Wer sich auf ein Bein stellt, kann das am eigenen Körper entdecken. Die Balance eines lebendigen Systems entsteht dadurch, dass dieses Bein ständig viele kleine Bewegungen macht. Die aufgeschlichteten Steine, die man aus Wellnesshotels kennt, hält Monshi deshalb für eine schwachsinnige Analogie. Ein Stein hat einen fixen Schwerpunkt, während der Mensch nie konstant in seiner Mitte ist. Die zentrale Frage lautet also: Welches Wechselspiel ist jetzt dran, Disziplin oder einfach einmal, dass ich es mir gut gehen lasse?

Vier Zonen und ein Drache

Eines der wichtigsten Wechselspiele des Lebens beschreibt Monshi über vier Zonen. Die Komfortzone hat einen schlechten Ruf, ist aber wahnsinnig wichtig zum Regenerieren. Bleibt man zu lange, wird es allerdings todlangweilig. In der Lernzone nehmen wir Neues auf, und in der Performancezone setzen wir das Gelernte in die Praxis um.

Dabei kommen wir immer wieder an unsere Grenzen und schrammen an der Panikzone, wo es auf einmal zu viel wird. Genau dieser Rand zwischen Performance und Panik ist für Monshi entscheidend, denn dort, wo wir an unsere Überforderungsgrenze kommen, beginnt Wachstum. Auf seiner Folie ist dazu ein goldener Drache zu sehen.

„Der grimmigste Drache bewacht den größten Schatz.“

– Bardia Monshi

Musst du deshalb jede Angst im Leben überwinden? Nein, sagt Monshi. Aber die Ängste, die dich am Wachsen hindern, schon.

Bardia Monshi am Pult mit Laptop im Studio, Kamera am Bildrand

Foto: Ronny Lisker

„Ich versteh es noch nicht so ganz“

Wer geht eigentlich ständig an diese Grenze? Es sind nicht die Erwachsenen, die eine kulturelle Episode nach der anderen herunterspulen. Es sind Menschen mit vielen biografischen Episoden, also Erlebnissen, an die wir uns ein Leben lang erinnern. Dazu gehört das erste Mal schwimmen ohne Schwimmflügel oder der Moment, in dem wir merken, dass wir keine Stützräder mehr brauchen. Kinder erleben irrsinnig viel zum ersten Mal, und das überfordert sie manchmal, aber genau dort beginnt das Blühen.

Pettersson und Findus, zum hundertsten Mal

Monshi hat das bei seinen eigenen Kindern beobachtet. Er hat zwei Töchter, die heute 15 und 20 sind, und als sie klein waren, hat er ihnen gern vorgelesen. Eines Tages durfte seine damals vier-, fünfjährige Tochter das Buch aussuchen. Er hoffte auf ein neues, sie aber nahm ein altes, das sie schon zigmal gelesen hatten: Pettersson und Findus.

Monshi war müde und übersprang einen Absatz. Sofort kam der Protest, er habe da etwas vergessen, denn kleine Kinder kennen jedes Wort. Dann kam die spannende Stelle, an der sich der Kater Findus vor einem Dachs versteckt. Für Monshi war das null Spannung, seine Tochter aber begann leicht zu bibbern.

Er stellt kleinen Kindern bis heute gern schwierige Fragen, weil ihn interessiert, was sie darüber denken. Also fragte er sie, warum das so spannend für sie sei, sie wisse doch, dass dem Findus nichts passiert. Seine Tochter überlegte kurz und sagte dann: „Weißt du, Papa, ich versteh es noch nicht so ganz.“

Anfängergeist

Dieser Satz hat ihn tief berührt, denn für ihn steckt darin eine Zen-Weisheit: Anfängergeist. Anfängergeist heißt, mit Kinderaugen in die Welt zu schauen. Du glaubst zu wissen, wie der Herbst aussieht, weil sich die Blätter jedes Jahr verfärben und du das schon hundertmal gesehen hast. So wie an diesem Tag, an diesem Baum und in diesem Jahr hast du es aber noch nie gesehen.

Auch der Mensch, der dir entgegenkommt, war so, wie er heute ist, noch nie. Wer sich diesen Blick bewahrt, kann sich auch seinen Problemen anders stellen.

Das Problem mit dem Soll

Was aber ist überhaupt ein Problem? Für Monshi lebt jedes Problem von einer Ist-Soll-Diskrepanz. Du nimmst wahr, wie etwas ist, und stellst fest, dass es anders sein sollte. Er hat das auf dem Weg zum Vortrag selbst erlebt. Alles sah nach einer pünktlichen Ankunft aus, dann kam der große Stau, und plötzlich hatte er ein Problem.

Wer viele Probleme haben möchte, hat damit eine verlässliche Methode, sagt Monshi augenzwinkernd. Du siehst die Frisur eines anderen und denkst dir, die sollte anders sein. Und zack, schon hast du ein Problem.

Das Ist zum Soll bewegen

Die klassisch westliche Antwort darauf lautet, das Ist zum Soll zu bewegen, und genau das tun wir in der Arbeit jeden Tag. Monshi zeigt dazu ein kurzes Video von einem Mädchen, das nach einigen Fehlversuchen schafft, was es sich vorgenommen hat. Scheitern ist für ihn die Grundvoraussetzung, um gescheiter zu werden. Und immer wenn wir etwas schaffen, bei dem wir nicht sicher waren, beginnen wir zu blühen.

„Im Überleben vertiefen wir die Wurzeln, im Erleben treiben wir die Blüte raus.“

– Bardia Monshi

Das eine geht nicht ohne das andere, und Wachstum hört mit dem Erwachsenwerden nicht auf. Wer aber ständig alle Diskrepanzen überwinden will, hat es im Leben ziemlich schwer.

Die Gelassenheitslösung

Die gute Nachricht ist, dass es auch eine Gelassenheitslösung gibt, wie sie etwa die Stoiker vertreten haben. Sie sagt, deine Aufgabe ist nicht, das Ist zum Soll zu bewegen. Deine Aufgabe ist zu erkennen, dass das, was du dir in deinem Hirnkastl ausmalst, eine Illusion ist, denn so wie die Dinge sind, sind sie okay.

Leicht fällt uns das nicht, weil wir keine Routine darin haben, Dinge einfach sein zu lassen. Monshi zeigt dazu ein zweites Video. Ein junger Mann merkt, dass sein Hund sich nicht bewegt, obwohl er sich bewegen sollte. Statt die Diskrepanz zu überbrücken, legt er sich einfach dazu, und das hat etwas unglaublich Beruhigendes und Berührendes.

„Es ist eine Kunst, Dinge gut sein zu lassen.“

– Bardia Monshi

Kraft, Gelassenheit, Weisheit

Die entscheidende Frage ist also nicht, welche der beiden Antworten richtig ist. Sie steckt im bekannten Gebet von Reinhold Niebuhr: Gib mir die Kraft zu verändern, was ich verändern kann. Gib mir die Gelassenheit hinzunehmen, was ich nicht verändern kann. Und gib mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Für den Arbeitsalltag übersetzt Monshi das so. Morgens startest du mit all deinen Ist-Soll-Diskrepanzen, also mit deiner To-do-Liste. Am Abend darfst du dich im Stoizismus üben und sagen, so wie die Dinge heute gelaufen sind, sind sie okay. Dann ruht man leichter, und jeden Tag kannst du neu fragen: Arbeite ich heute daran, dass sich etwas Richtung Soll entwickelt, oder übe ich mich heute in Gelassenheit?

Der Stress mit dem Stress

Menschen mit einem Problem machen sich oft noch ein zweites dazu, nämlich das Problem, dass sie das Problem haben. Monshi zeigt dazu Atlas, der die ganze Weltkugel schleppen muss. Was auf seinen Schultern liegt, ist Stress 1, die Belastung an sich. Was viele obendrauf packen, ist Stress 2, zum Beispiel der Gedanke: Was bin ich blöd.

Am deutlichsten wird das in einer schlaflosen Nacht. Man wälzt sich von links nach rechts und schaut irgendwann auf den Wecker, um zu sehen, wie viele Stunden noch bleiben. Dann ärgert man sich, dass es nicht mehr sind, und macht sich schließlich richtig fertig: Du sollst endlich schlafen! Einschlafen tut man meist knapp, bevor der Wecker läutet, weil man innerlich aufgibt und der Organismus auf einmal zu entspannen beginnt.

Die eigentliche Kunst ist deshalb, Stress 2 durch einen günstigeren Umgang mit dem Stress zu ersetzen, den man ohnehin hat. Auch wenn ich nicht alles schaffe, bin ich okay.

Was die Einstellung bewirkt

Wie viel das bewirkt, belegt Monshi mit Studien. Wer Stress als Herausforderung statt als Bedrohung sieht, schüttet weniger Stresshormone aus. Dasselbe gilt für das Altern, denn ein positives Bild vom eigenen Altern verlängert das Leben um 7,5 Jahre. Gesundheitszustand und sozioökonomischer Status sind dabei herausgerechnet, es ist tatsächlich ein Einstellungseffekt.

Monshi nimmt sich selbst als Beispiel. Wenn seine Haare lichter werden, gehört das eben zum Altern dazu, es ist seine Art, wie sich die Blätter verfärben. Sein Werkzeug lautet deshalb: Verringere Stress 2 und entwickle deine Selbstkooperation.

Blick über die Studiokamera mit Kontrollmonitor, Bardia Monshi und die Moderatorin am Studiotisch

Foto: Ronny Lisker

Die letzte menschliche Freiheit

Wie weit das reichen kann, zeigt für Monshi Viktor Frankl, den er noch persönlich kennenlernen durfte. Frankl überlebte das KZ und verlor seine ganze Familie, auch seine Frau, die schwanger war. Er verlor seine Gesundheit, alles, was er besaß, und seine Identität. Nachdem man ihm alles genommen hatte, entdeckte er einen Raum, in dem er noch frei war: die Einstellung zu den Umständen.

Einer seiner bekanntesten Sätze lautet: „Eine der letzten menschlichen Freiheiten ist, seine Einstellung unter welchen Umständen auch immer frei wählen zu können.“ Sein berühmtes Buch heißt nicht zufällig „…trotzdem Ja zum Leben sagen“, denn genau diese Einstellung hat er gewählt.

Monshi begegnete Frankl, als dieser 90 Jahre alt war. Seitdem fordert er sich selbst heraus: Wenn das die angeblich so schlimmen Dramen deines Lebens sind, Bardia, und wenn Frankl es geschafft hat, eine Einstellung zu wählen, dann muss sich das für dich auch ausgehen. Dabei wertet er sich nicht ab, sondern sagt es sich auf freundliche Art: „Komm, da geht mehr.“

Einstellung lässt sich einstellen

Dann zeigt Monshi eine Folie mit einem Zug vor einem Tunnel. Nimmst du dir vor, ihn hineinfahren zu sehen, dann siehst du ihn hineinfahren. Nimmst du dir vor, dass er herausfährt, dann fährt er heraus. Deine Einstellung gibt dem Gehirn den Auftrag, das Bild so zu strukturieren, und dann geht es ganz von allein auf Signalsuche.

„Wir können unsere Einstellung einstellen. Deswegen heißt sie Einstellung.“

– Bardia Monshi

Titanic oder viele Höhepunkte?

Zum Abschluss verrät Monshi, wie das österreichische Leben ursprünglich geplant ist. Es folgt der Erzählstruktur des Films Titanic: ein kleiner Höhepunkt am Anfang, dann lange nichts, während sich das Schiff durchs Eismeer schleppt, und schließlich der zentrale Höhepunkt, nach dem schnell aus ist.

Monshi, mittlerweile in den Fünfzigern, hat dieses Lebensmodell noch stark mitbekommen. Du kommst auf die Welt und lernst die Hauptfiguren deines Lebens kennen. Dann passiert lange wenig, du wirst in die kulturellen Episoden eingeschleust und gehst durchs Eismeer deiner Berufsjahre. Am Ende steht der zentrale Höhepunkt, die Pension, und danach ist es, ähnlich wie im Film, ziemlich schnell aus.

Bardia Monshi und die Moderatorin lächelnd am Studiotisch, im Hintergrund der Titel der Keynote

Foto: Ronny Lisker

Bam, bam, bam

Viele Junge haben darauf keine Lust, und sie kennen andere Erzählstrukturen. Monshi wählt als Gegenbeispiel bewusst den Erotikfilm, den er natürlich nur aus wissenschaftlicher Sicht kenne. Dort gibt es ganz viele Höhepunkte, und die Handlung dazwischen interessiert die meisten kaum. Musicals und Kabarett funktionieren genauso, und auch die Kurzvideos auf Social Media liefern einen Höhepunkt nach dem anderen.

Genau hier lauert die Falle, denn wer nur so lebt, hat keine Geschichte zu erzählen. Wer kann nach einer Stunde TikTok erzählen, was er erlebt hat? Niemand, sagt Monshi. Ein Buch mit einem schönen Spannungsbogen dagegen kannst du dein Leben lang erzählen.

Die zwei Sinnquellen

Die Lösung liegt für Monshi in den zwei großen Sinnquellen, die Viktor Frankl beschrieben hat. Die erste ist, im Dienst an einer Sache zu wachsen und den nächsten Schritt zu wagen. Die zweite ist, in präsenter Verbundenheit mit Menschen zu sein. Gelingen beide, entsteht die Ausdauer für sinnerfüllte Geschichten. Und wer sich dazu ein paar biografische Episoden und lustvolle Höhepunkte nicht nehmen lässt, hat beides im Leben.

Wer mit Kinderaugen in die Welt schaut, an seine Grenze geht und zwischendurch in die Gelassenheit pendelt, verwandelt seine Sorgen leichter in Neugier.

„Was anderes gibt’s in dem Leben eigentlich nicht zu tun, als neugierig zu bleiben.“

– Bardia Monshi

Fazit: Wer zwischen Wachsen und Gelassenheit pendelt, bleibt lebendig

Blühen ist kein Zustand, den du einmal erreichst und dann behältst. Es entsteht im Wechselspiel zwischen Komfort und Herausforderung, zwischen Verändern und Gut-sein-Lassen. Bardia Monshi zeigt, dass dafür weniger Disziplin nötig ist als ein freundlicher, neugieriger Blick auf das eigene Leben.

→ Begegne Menschen mit dem Obwohl statt mit dem Weil und schenk ihnen deine volle Präsenz.

→ Prüf deine Routinen, ob sie dir helfen oder ob du nur mehr vom Selben machst.

→ Sammle biografische Episoden und schau mit Anfängergeist auf das, was du zu kennen glaubst.

→ Geh dorthin, wo dich eine Angst am Wachsen hindert.

→ Frag dich jeden Tag, ob du am Soll arbeitest oder dich in Gelassenheit übst.

→ Verringere Stress 2 und begegne dir selbst mit einem freundlichen „Komm, da geht mehr“.

Welches Wechselspiel ist bei dir heute dran?

Eure Fragen

Wenn ich einen Film schon oft gesehen habe, hoffe ich trotzdem jedes Mal, dass er anders ausgeht. Was passiert da in unserem Kopf?

Gut gemachte Filme wollen genau diese Hoffnung erzeugen. Kennst du das Ende, kennst du zwar die Oberfläche, aber in der Tiefe kannst du immer noch Neues entdecken. Man sieht einen Film ein zweites Mal und denkt sich, so wie mein Kind damals: Ich versteh den heute ganz anders. Ich gehe sogar weiter: Wir wissen alle, dass wir irgendwann sterben werden, und wir dürfen neugierig bleiben, auch auf diese letzte Erfahrung.

Wenn ich offen bleibe, komme ich dann auch in diese Gelassenheit?

Der Gelassenheit geht üblicherweise ein Kampf voraus. Wenn man nicht schlafen kann, merkt man das, und je mehr ich es mir vornehme, desto schwieriger wird es. Deshalb mache ich niemandem einen Vorwurf, nicht sofort gelassen zu sein. Nur will ich mich in diesem Antesten nicht wie eine Sandwespe endlos aufhalten. Irgendwann kommt der Punkt, an dem ich innerlich sage: Da lass ich es gut sein.

Hast du Buchempfehlungen zum Thema?

Gerade entsteht ein Buch, an dem ich mitschreibe und in dem die vitalpsychologischen Wirkzeuge auch als Begriff vorkommen. Es geht darum, wie wir besser Wert schöpfen, statt uns zu erschöpfen. Empfehlen kann ich die beiden Bücher, auf die ich mich bezogen habe. Viktor Frankls „…trotzdem Ja zum Leben sagen“ ist eigentlich das Standardwerk für Resilienz, obwohl der Begriff darin nie vorkommt. Und „Zen-Geist, Anfänger-Geist“ finde ich persönlich wundervoll.

Scheitern und gescheiter werden hängen zusammen, hat jemand im Chat geschrieben. Was war in deinem Leben ein Scheitern, aus dem du viel gelernt hast?

Ganz offen: das Scheitern in meiner Familie, also zu beobachten, wie die Ehe meiner Eltern zerbricht. Das hat mich sehr früh darüber nachdenken lassen, wie Beziehungen überhaupt gelingen können. Gleichzeitig habe ich dort begonnen, genau zu beobachten, was wir brauchen, um ins Blühen zu kommen. Beziehung ist ein zentraler Gesundheitsfaktor, und auch da geht es um Wechselspiele, um Routine und genug Abenteuer. Bei Kindern ist es Vertrauen und Kontrolle, und sobald ich mich frage, was jetzt dran ist, wird das Zusammenleben lebendiger.

Ein anderer Experte meinte, dass uns oft der eigene Anspruch im Weg steht. Ist das das Problem zwischen Ist und Soll?

Ja, das ist ein wichtiger Punkt. Der US-amerikanische Therapeut Albert Ellis hat in den Siebzigerjahren gesagt, die Menschen fangen an zu „musturbieren“. Sie erkennen, wie sie etwas gern hätten, und ehe sie sich versehen, wird aus „Ich hätte gern, dass das so ist“ ein „Das muss so sein“. Wer daran festhält, will permanent die Ist-Soll-Diskrepanz überwinden. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es manchmal unglaublich guttut, auch ein sinnvolles Ziel einfach sein zu lassen. Auf einmal fällt innerlich etwas ab, denn auch positive Dinge können belasten, wenn sie uns in einer Grundspannung halten.

Über Bardia

Bardia Monshi ist Psychologe, hypnosystemischer Coach, Trainer, Speaker & Autor. Als Gründer und Geschäftsführer des Instituts für Vitalpsychologie begleitet er Menschen und Organisationen in ihrer mentalen, sozialen und organisationalen Vitalität.

Er arbeitete bereits mit CEOs multinationaler Konzerne, Mitarbeiter:innen, Sport Weltmeister:innen und Olympioniken zusammen. Zusätzlich ist er durch zahlreiche Fachartikel, Keynotes und Auftritte in TV & Radio bekannt.

Mehr über Dr. Bardia Monshi auf der Speaker-Seite.

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