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Corinna Geiger – Nie mehr erschöpft

Ursachen und Wege aus der Erschöpfung – Was Körper, Ernährung und Hormone verraten

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Chronische Müdigkeit, mentale Erschöpfung, das Gefühl, nie wirklich erholt zu sein – viele kennen diesen Zustand, doch nur wenige verstehen die komplexen Zusammenhänge dahinter. Morgens aufstehen und sich fühlen, als hätte man gar nicht geschlafen, durch den Tag funktionieren und dabei ständig auf Reserve laufen – eine Müdigkeit, die selbst der nächste Urlaub nicht mehr vertreibt.

Wenn jemand mit genau diesen Worten in die Praxis von Dr. Corinna Geiger kommt, ist ihr erster Gedanke oftmals: „Ja, das höre ich öfter.“ Doch genau hier beginnt die eigentliche Arbeit – denn hinter chronischer Erschöpfung können dutzende Ursachen stecken. Hormone, Entzündungen, Infektionen, Ernährung. Ihr Job ist es, zu sortieren, einzuordnen und gemeinsam mit den Patienten einen Plan zu finden.

In ihrer Keynote beleuchtet Dr. Geiger die häufigsten medizinischen Hintergründe der Erschöpfung: von der Schilddrüse über Cortisol und Insulinresistenz bis hin zu Geschlechtshormonen und postinfektiösen Syndromen. Unterschiedliche Themenschwerpunkte, die alle miteinander verknüpft sind – und die deutlich machen, warum es selten nur eine einzige Ursache gibt.

Was du mitnimmst: ein klares Bild davon, warum dein Körper auf Reserve läuft – und konkrete Schritte, wie du wieder zurück in deine Energie findest.

 

Die Schilddrüse: Wenn der Taktgeber aus dem Rhythmus kommt

Einer von zehn Menschen in Österreich hat Probleme mit der Schilddrüse. Wissen das alle Betroffenen? Nein. Und das hat einen konkreten Grund: Beim Hausarzt wird häufig nur das TSH bestimmt – ein Wert, der allein betrachtet wenig aussagt. „Das TSH kann individuell sehr unterschiedlich sein“, erklärt die Medizinerin. Es gibt Menschen, denen es mit einem TSH-Wert von vier bis fünf großartig geht, und andere, die mit einem TSH von zwei oder drei sämtliche Symptome einer Unterfunktion zeigen: Müdigkeit, Frieren, Konzentrationsprobleme, Haarausfall, trockene Haut, unerklärliche Gewichtszunahme.

Entscheidend ist deshalb, nicht nur das TSH zu messen, sondern auch die freien Hormone T3 und T4. Die Schilddrüse produziert zunächst T4 – ein sogenanntes Prohormon, das noch keine Stoffwechselfunktion hat. Erst wenn ein Jodmolekül abgespalten wird, entsteht das aktive Hormon T3, das jede Zelle für ihren Energiestoffwechsel braucht.

Doch es gibt Situationen, in denen der Körper das Jod absichtlich an einer anderen Stelle abspaltet. Dann entsteht Reverse T3 (RT3) – und das wirkt wie eine Notbremse für den Stoffwechsel. RT3 blockiert den Schilddrüsenhormonrezeptor, ohne selbst eine Funktion zu erfüllen. Eine metabolische Bremse, die evolutionär Sinn ergibt: In Zeiten von Hungersnot musste der Körper Energie sparen.

Genau dieser Mechanismus greift auch bei extremen Diäten. Dr. Geiger beschreibt das Phänomen, das viele kennen: „Vier Tage nehme ich ab und am fünften Tag steht plötzlich alles, obwohl ich wie in den vorhergehenden Tagen weitermache. Ja – schöne Grüße von der Schilddrüse.“ Das RT3 ist dann vollständig aktiviert. Auch chronischer Stress, Entzündungsprozesse, chronische Infektionen und Schlafmangel lassen das RT3 ansteigen.

Die Botschaft ist klar: Extreme Diäten verlangsamen den Stoffwechsel. Wer zu wenig isst, sorgt für einen Stoffwechsel mit angezogener Handbremse.

Cortisol: Freund und Feind zugleich

Vom Stoffwechsel mit angezogener Bremse ist es nur ein kurzer Weg zum nächsten großen Spieler: dem Cortisol. „Ohne Cortisol sterben wir“, stellt Dr. Geiger nüchtern fest. In einer akuten Stresssituation ist Cortisol ein Wunder – es gibt Energie, Fokus, lässt uns schnell reagieren. Das Problem beginnt dort, wo das Cortisol chronisch erhöht bleibt.

Wenn wir nie in einen Zustand kommen, in dem das Cortisol eine Pause hat, entsteht ein Teufelskreis: Hohes Cortisol am Abend stört den Schlaf, wir bekommen weniger Tiefschlaf, wachen unerholt auf. Mit weniger Energie ist ein normaler Tag viel anstrengender, die Stresshormone steigen wieder – und abends beginnt das Spiel von vorne.

Doch Cortisol macht noch mehr. Als Stresshormon stellt es Energie bereit – für den Fall, dass wir vor etwas Großem, Bösem wegrennen müssen. Es hebt die Zuckerspiegel an und erhöht die Konzentration freier Fettsäuren im Blut. Nur: Wir rennen selten. Und wenn wir weder Zucker noch Fett verbrennen, muss beides irgendwo hin. Das Ergebnis ist der klassische Cortisolbauch – viszerales Fett um die Organe in der Bauchhöhle. Dieses Fett produziert Entzündungsbotenstoffe, die wir um unsere wichtigsten Organe definitiv nicht haben wollen.

Die Kaskade geht weiter: Chronisch hohes Cortisol schwächt das Immunsystem, erhöht die Infektanfälligkeit, treibt die Insulinspiegel nach oben und bremst die Schilddrüsenfunktion. Eine doppelte Bremswirkung.

Was hilft gegen chronisch erhöhtes Cortisol?

Dr. Geiger konzentriert sich bewusst auf das, wozu es belastbare Daten gibt. Der populäre Ratschlag, morgens keinen Kaffee zu trinken, weil er Cortisol-Spikes verursacht – stimmt grundsätzlich. Aber die Reaktion passt sich mit der Zeit an. Ihr pragmatischer Rat: Erst frühstücken, dann Kaffee. „Klappt bei mir auch nicht immer“, gibt sie zu, „aber es wäre der bessere Start in den Morgen.”

Beim Thema Zucker räumt sie mit einem Mythos auf: Nicht Kohlenhydrate an sich sind das Problem, sondern die Art der Kohlenhydrate. Langsam ansteigende Kohlenhydrate puffern die Cortisolwirkung ab, ohne den Insulinspiegel in die Höhe zu treiben. Schneller Zucker hingegen – der klassische Traubenzucker – löst eine Zucker-Insulin-Achterbahn aus: Spike, Insulinantwort, Absturz, Heißhunger, nächster Spike. „Für Leistung, Wohlbefinden und Energieempfinden ist das überhaupt nicht gut“, sagt Dr. Geiger, „und für unseren Stoffwechsel langfristig eine echte Katastrophe.“

Was bei der Supplementierung gute Daten hat: Ashwagandha, ein Adaptogen, das die Cortisolantwort dämpft. Geiger empfiehlt es als Kur über sechs bis acht Wochen – nicht dauerhaft. „Es soll helfen, dass wir uns selber wieder regulieren. Es soll nicht die Funktion für uns übernehmen.“ Bei Schilddrüsenproblemen ist allerdings Vorsicht geboten.

Dann Magnesium: Unter chronischem Stress erhöht der Körper die Magnesiumausscheidung, weil Magnesium den entspannenden Teil des Nervensystems (GABA) aktiviert – und das will ein gestresster Körper nicht. Die Folge: Wir verlieren mehr Magnesium, als wir sollten. Zusätzlich supplementiertes Magnesium kann helfen, die Balance im vegetativen Nervensystem wiederherzustellen.

Insulinresistenz: Der stille Energieräuber

Aus dem chronisch erhöhten Cortisol mit erhöhten Zuckerwerten kann logisch das nächste Thema folgen: die Insulinresistenz. Geiger nennt sie eine „prädiabetische Stoffwechsellage – aber so viel mehr als das.“

Der Mechanismus beginnt in der Muskulatur. Muskeln können sowohl Fett als auch Zucker zur Energiegewinnung nutzen. Fett gelangt ohne spezifische Kanäle in die Muskelzelle, Zucker hingegen braucht einen Kanal – und Insulin ist der Schlüssel, der diese Tür öffnet. Wenn die Muskelzelle bereits mit Fett gefüllt ist und trotzdem hohe Blutzuckerspiegel herrschen, reagiert sie mit einem anschaulichen Mechanismus: „Die Muskelzelle denkt sich: Jetzt kommt schon wieder dieses Insulin und will uns vollstopfen. Wir machen einfach mehr Schlösser an unsere Tür.“

Die Konsequenz: Der Körper braucht immer mehr Insulin, um den Zucker aus dem Blut in die Zellen zu bekommen. Andere Organe kompensieren – die Leber etwa nimmt mehr Nährstoffe auf als nötig, weiß nicht wohin damit und lagert sie ein. Das Ergebnis: eine Fettleber. Gleichzeitig signalisiert das viele Insulin dem Körper, er sei bestens versorgt – Fettdepots anzugreifen ist unnötig. Gewichtszunahme wird leicht, Gewichtsabnahme schwer.

Die Symptome sind tückisch, weil sie vielen anderen hormonellen Dysbalancen ähneln: Müdigkeit nach dem Essen, Heißhunger, Konzentrationsprobleme am Nachmittag, Bauchfettzunahme, Brain Fog, Stimmungsschwankungen, Gewichtsverlust funktioniert nicht mehr wie früher.

Die gute Nachricht: Insulinresistenz ist komplett reversibel. Und die wichtigsten Maßnahmen sind oft die einfachen:

  • Ausreichend Proteine und Ballaststoffe essen – je mehr Ballaststoffe, desto geringer die Zuckeranstiege.
  • Zuckerhaltige Getränke weglassen – dazu gehört auch die Milch im Kaffee. Diese ist grundsätzlich okay, wenn man ihn zum Essen trinkt; zwischen den Mahlzeiten produziert er einen erneuten Zucker- und Insulinspike.
  • Einer der wichtigsten Faktoren ist Bewegung nach dem Essen. Zehn Minuten spazieren gehen – oder einfach im Büro hin und her laufen – klingt banal, aktiviert aber einen Mechanismus, den wir sonst nicht haben: die insulinunabhängige Zuckeraufnahme in den Muskeln. Sobald wir unsere Muskeln aktiv benutzen, braucht der Körper kein Insulin mehr, um den Zuckerspiegel zu senken.
  • Und dann der Schlaf. Geiger betont: „Es gibt ganz gute Studien, die zeigen, dass nach nur einer schlechten Nacht der Blutzucker am nächsten Tag erhöht ist.” Der Einfluss von Schlaf auf den Stoffwechsel – „das kann man sich gar nicht bewusst genug machen.“
  • Zum Thema Fasten gibt sie ein klares „Jein“: “Intermittent Fasting“ kann unter Umständen Sinn machen, birgt aber Risiken. In der Fastenzeit braucht der Körper weiterhin Eiweiß – und holt es sich dann häufig aus Kollagen der Haut oder aus Muskelgewebe. Und bei zu langer Kalorienrestriktion greift wieder der RT3-ein Mechanismus der Schilddrüse.

Ein praktischer Tipp, den Dr. Geiger ihren Patient:innen oft gibt: Kontinuierliche Glukosesensoren. Eine kleine Nadel im Arm, zwei Wochen lang, verbunden mit einer Handy-App, die in Echtzeit den Blutzucker zeigt. „Damit kann man total gut feststellen, wie der Impact ist von der Ernährung, aber halt auch von schlechtem Schlaf oder Stress.“ Oft besser als die zehnte Ernährungsberatung.

Ernährung und Mikronährstoffe: Der Treibstoff, der fehlt

Unsere Ernährung liefert die Energie, die wir am Tag zur Verfügung haben – und zwar auf mehreren Ebenen. Es geht nicht nur um Kalorien. Ohne bestimmte Mikronährstoffe – Eisen, B-Vitamine, Q10, Magnesium – können unsere Mitochondrien, die Kraftwerke in jeder Zelle, nicht arbeiten. Wer das zu wenig zuführt, muss sich über Erschöpfung nicht wundern.

Was viele nicht wissen: Die Ernährung beeinflusst auch direkt den Geschlechtshormonstatus. Viele Hormone werden über die Galle und den Darm ausgeschieden. Wenn sich das Darmmikrobiom verändert hat – etwa nach Antibiotika, Säureblocker, durch ballaststoffarme Ernährung – oder wenn man schlicht zu selten auf die Toilette geht, können diese Hormone in einem sogenannten entero-hepatischen Kreislauf wieder aufgenommen werden und erneut wirken. Das Ergebnis: ein Ungleichgewicht im Hormonhaushalt, insbesondere eine Östrogendominanz.

Dr. Geiger verweist auf die Bedeutung des Darmmikrobioms insgesamt: „Wir sollten eigentlich ungefähr 1.000 verschiedene Bakterienspezies in unserem Darm haben, aber in der westlichen Welt haben die meisten Menschen nur noch 200 davon.“ Der Grund: einseitige Ernährung, chronischer Stress, zu viele Zusatzstoffe. Diese massive Veränderung erklärt auch, warum bestimmte chronische und entzündliche Erkrankungen zunehmen.

Welche Werte sollte man kontrollieren lassen?

Die Ärztin gibt eine klare Orientierung: Schilddrüsenwerte (inklusive freiem T3 und T4), und je nach Befund auch Jod. Dazu Ferritin (Eisenspeicherwert), B12, Folsäure, Vitamin D, Magnesium, Zink und Selen. Beim Cortisol gibt es verschiedene Tests – der Morgenwert im Blut oder der 24-Stunden-Sammelurin dient dem Ausschluss von Nebennierenerkrankungen, der Speicheltest zeigt die zirkadiane Rhythmik über den Tag. Und der HOMA-Index (nüchtern Blutzucker und Insulin messen lassen) ist für die Insulinresistenz unverzichtbar.

Zu den einzelnen Mikronährstoffen im Detail:

  • Eisen ist eines der häufigsten Defizite weltweit, besonders bei Frauen. Der Ferritinwert von 15, der theoretisch noch im Normbereich liegt, reicht laut Geiger bei weitem nicht: „Mit 15 komme ich nicht mehr vom Sofa hoch.“ Die Empfehlung: bei menstruierenden Frauen 50 bis 70, bei Patient:innen mit Fatigue 70 bis 100. Eisenmangel kann übrigens auch zu “Restless Legs” führen.
  • Vitamin B12 mangelt häufig bei veganer Ernährung und bei Einnahme bestimmter Medikamente wie Säureblockern oder Metformin. Ein Mangel kann Nervenfehlfunktionen verursachen – Kribbeln, Taubheitsgefühle – und zur Erschöpfung beitragen.
  • Bei der Folsäure gibt es eine genetische Besonderheit: 40 Prozent der Bevölkerung tragen eine Mutation, die die Aufnahme der üblichen Folsäureform erschwert. Bei den anderen ist ein Mangel schnell behoben – zwei Wochen fünf Milligramm, und die Sache hat sich.
  • Vitamin D sollte bei etwa 50 Nanogramm pro Milliliter liegen. Die Realität in Österreich: Die meisten dümpeln bei 30. Wichtig: als fettlösliches Vitamin zur Mahlzeit einnehmen, und im Alter steigt der Supplementierungsbedarf.

Dr. Geigers Praxistipp zur Supplementierung: „Bitte kauft euch nicht eine Million Supplements und nehmt diese gleichzeitig.“ Besser: in Absprache mit dem Arzt auf einen Zweck fokussieren, die richtigen Supplements acht Wochen lang nehmen, dann zum nächsten übergehen. Manche Stoffe behindern sich gegenseitig bei der Aufnahme – Calcium und Magnesium gleichzeitig ist beispielsweise oftmals ein Problem.

Geschlechtshormone: Mehr als nur ein Frauenthema

Die Internistin beginnt bewusst mit Testosteron – und räumt sofort mit einem Vorurteil auf: „Das ist kein Hormon, das nur für Männer wichtig ist.“ Bei Männern ab etwa 50 Jahren kann ein Testosteronmangel hinter Depressionen und Antriebsarmut stecken. Bei Frauen kann das Problem schon viel früher auftreten – zum Beispiel unter der Pille. „Es gibt 25-, 30-jährige Frauen, die unter der Pille plötzlich merken, sie sind erschöpft, die Libido hat sich deutlich verschlechtert, sie haben eine Antriebsschwäche.“ Der Mechanismus: Die Pille liefert hohe Dosen Östrogen und Progesteron, der Körper stellt die eigene Geschlechtshormonproduktion ein – und damit sinkt auch das Testosteron. Symptome: Muskelschwäche, Erschöpfung, Antriebslosigkeit, Libidoverlust. „Das lässt sich beheben und zwar relativ einfach.“

Dann die Perimenopause, die bereits mit 35 Jahren beginnen kann. Hitzewallungen, “Brain Fog”, Gewichtszunahme, Stimmungsschwankungen – die bekannten Symptome. Was viele nicht wissen: Östrogen schützt die Schilddrüsenfunktion, und Progesteron ist das „Chill-Hormon“. Wenn plötzlich Schlafstörungen auftreten oder Einen Dinge aus der Ruhe bringen, die früher nie ein Problem waren – wenn die Resilienz abnimmt –, kann das ein Hinweis auf Progesteronmangel sein. Progesteron ist oft das erste Hormon, das in der Perimenopause abfällt.

Die Mastzell-Verbindung

Besonders spannend ist Geigers Erklärung zur Verbindung zwischen Progesteron und dem Immunsystem. Progesteron wirkt mastzellstabilisierend. Mastzellen sind weiße Blutkörperchen, die überall in unseren Geweben sitzen und mit Entzündungsbotenstoffen gefüllt sind – das bekannteste davon ist Histamin. Bei einem Progesteronmangel kann das Immunsystem dereguliert werden: Mastzellen schütten Histamin aus, obwohl es keinen äußeren Anlass gibt.

Dr. Geiger illustriert das mit einem Alltagsbeispiel: „Die Schwiegermutter ruft an, es hat uns voll gestresst – Mastzellen haben leider auch Stressrezeptoren auf ihrer Oberfläche – und auf einmal kriegt man Herzrasen, Flush, Kopfschmerzen, vielleicht sogar Durchfälle.“ Die Konsequenz: Symptome der Perimenopause werden oft als Histaminintoleranz fehlgedeutet – und umgekehrt. Beides kann gut therapiert werden, aber man muss an beide Optionen denken.

Wie alles zusammenhängt: Der Stress-Hormon-Kreislauf

Die Ärztin bringt alle Fäden zusammen. Wenn wir unter Druck stehen, greift die Mehrheit zu schnellen Kalorien – Süßes, Fastfood, Snacks. „Die gute Nachricht ist: Das ist keine Schwäche, sondern eine biologisch sehr logische Reaktion.“ Der Hypothalamus registriert Stress, signalisiert der Nebenniere über ACTH, Cortisol zu produzieren, und Cortisol sagt dem Körper: Kalorien, jetzt, viel, egal woher.

Der entscheidende Punkt: Alle Steroidhormone – Testosteron, Östrogen, Progesteron, Cortisol, Aldosteron – werden aus einem einzigen Vorläuferstoff gebildet: Prägnenolon. Wenn der Körper im Dauerstress ist, wird Cortisol immer priorisiert, weil es das Hormon ist, das uns am Ende rettet. Die Geschlechtshormone werden in einer Dauerstress-Situation wesentlich weniger hergestellt. Gleichzeitig bremst das Cortisol die Schilddrüse.

„Alle diese Hormonkreisläufe sind miteinander verknüpft“, fasst Dr. Geiger zusammen. „Ein Disruptor kann alle anderen Kreisläufe durcheinander bringen.“ Es hilft nicht, sich nur die Schilddrüse herauszupicken – man muss alle Systeme gleichzeitig anschauen.

ME/CFS: Wenn Erschöpfung zur Krankheit wird

Zum Schluss spricht Dr .Geiger über ein Thema, das ihr besonders am Herzen liegt: postakute Infektionssyndrome und die myalgische Encephalitis/Chronic Fatigue Syndrom (ME/CFS). Postakute Infektionssyndrome treten Wochen bis Monate nach einer Infektion auf – nicht nur nach Covid, auch nach EBV, Influenza, RSV und vielen anderen Erregern. Sie haben insgesamt eine etwas bessere Prognose, können aber in ein ME/CFS übergehen.

ME/CFS selbst ist eine neuroimmunologische Multisystemerkrankung. Das zentrale Symptom ist die Post-Exertional Malaise (PEM) – ein fundamentales Problem in der Energiebereitstellung des Körpers. Normalerweise können wir nach einer Anstrengung und einer Regenerationsphase dieselbe Arbeit wieder verrichten. Bei ME/CFS-Patient:innen funktioniert das nicht – egal wie sehr sie sich anstrengen. Im Gegenteil: Mehr Anstrengung führt zu anhaltender Verschlechterung.

„Das trifft eben genau meistens die Leute, deren einziger Coping-Mechanismus bisher war: work harder“, sagt Dr. Geiger. Und genau das macht es so gefährlich.

Die biologischen Veränderungen sind massiv: mehr RT3, weniger T3, Insulinresistenz, ein komplett durcheinander geratener Cortisolrhythmus, Neuroinflammation im Gehirn, Dysregulation des Immunsystems mit Antikörperbildung gegen das vegetative Nervensystem. „Wenn die Menschen aufstehen und einfach Zähne putzen, haben wir eine Herzfrequenz von 130. Keiner von uns kommt mit einer Dauerherzfrequenz von 130 durch den Tag.“

Was diesen Menschen wirklich hilft, ist “Pacing” – das extrem konsequente Umgehen mit der eigenen Energie. Geiger macht die Dimension greifbar: „Diese Personen können nur zwei Seiten in einem Buch lesen und müssen dann eine Pause machen. Wenn sie drei Seiten lesen, kann das sein, dass sie dafür büßen und eine Woche oder zwei Wochen oder vielleicht sogar dauerhaft gar nichts mehr lesen können.“

Aktivierende Maßnahmen wie “Graded Exercise Therapy” oder aktivierende Verhaltenstherapie lösen bei diesen Patient:innen Verschlechterungen aus. „Ich habe Leute, die auf Reha zwangsgeschickt werden und die kommen zurück und sind bettlägerig.“ Erst wenn eine stabile Basislinie erreicht ist, kann man über weitere Schritte nachdenken.

Dr. Geiger betont: Es braucht dringend mehr Forschung. Es ist besser als je zuvor, aber noch lange nicht das, was diesen Menschen gebührt.

Fazit: Dein Körper ist keine Maschine

Erschöpfung ist kein Charakterfehler. Sie ist ein Signal des Körpers – und oft das Ergebnis einer komplexen Kaskade aus hormonellen Dysbalancen, Stoffwechselveränderungen und chronischem Stress. Die gute Nachricht: Vieles davon ist reversibel, wenn man die richtigen Stellschrauben kennt.

Deine Stellschrauben im Überblick:

Lass deine Schilddrüse richtig untersuchen – nicht nur TSH, sondern auch freies T3 und T4. Ein „normaler“ TSH-Wert schließt eine Unterfunktion nicht aus.

Arbeite an deiner Stressregulation – Schlafhygiene, Ashwagandha als Kur (6–8 Wochen, 600 mg abends), Magnesium (300 mg/Tag) und erst frühstücken, dann Kaffee.

Lass deinen HOMA-Index bestimmen – nüchtern Blutzucker und Insulin messen. Insulinresistenz ist häufig, unterdiagnostiziert und komplett reversibel.

Bewege dich nach dem Essen – schon zehn Minuten Gehen aktivieren die insulinunabhängige Zuckeraufnahme in den Muskeln und stabilisieren den Blutzucker.

Priorisiere Schlaf – eine einzige schlechte Nacht erhöht den Blutzucker am nächsten Tag um 20 bis 30 mg/dl im Schnitt. Schlaf ist kein Luxus, sondern Stoffwechselmedizin.

Checke deine Mikronährstoffe – Ferritin (Zielwert bei Fatigue: 70–100), B12, Folsäure, Vitamin D (Zielwert: 50 ng/ml), Magnesium, Zink, Selen. Nicht alles gleichzeitig supplementieren, sondern gezielt und in Absprache mit dem Arzt.

Nimm dir nach Infekten Zeit – postakute Infektionssyndrome sind real und können in schwere Verläufe übergehen, wenn man zu früh zu viel will.

Dein Körper ist keine Maschine. Du würdest bei deinem Auto auf Reservetank auch nicht Vollgas geben. Was du isst, wie du schläfst, wie du mit Stress umgehst – all das beeinflusst direkt, wie viel Energie dir zur Verfügung steht. Und manchmal ist der wichtigste erste Schritt der einfachste: sich eine halbe Stunde am Tag nehmen, um auf sich zu schauen.